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Der Zorn des Übergangs

Dezember 22nd, 2017 · No Comments · Uncategorized

   

Schwarz sind sie und scheußlich anzusehen, eine abscheuliche Flüssigkeit tropft ihnen aus den Augen. Blutklumpen, die sie mit ihrer Beute verschlungen haben, speien sie wieder aus. Die Erynnien sprechen nicht, sie ächzen und jaulen. „Bring deines Ingrimms schwarzen Wogensturz zu Ruh“ richtet sich der Chor in Aischylos Drama an die Furien. Die rachsüchtigen Zornbündel verwandeln sich. Athene bringt zu Wege sie in das Gemeinwohl einzubinden. Sie vernichtet die Erynnien nicht, sondern überzeugt sie, sich mit der Stadt zusammenzutun und weist ihnen einen Platz zu- in der Unterwelt. Beim Festzug nehmen sie eine aufrechte Haltung ein, mit purpunen Festgewändern ausgestattet. Ab jetzt werden sie der Stadt als Eumeniden Wohlwollen entgegenbringen. Aischylos zufolge wurde hier nicht einfach ein Käfig um den Zorn errichtet, sondern der Zorn wurde von Grund auf verändert.
Darin erkennt die Philosophin Martha Nussbaum zwei zentrale Wandlungen. Die erste besteht, darin, dass Athene Rechtsinstitutionen schafft, um den endlosen Kreislauf der Blutrache zu durchbrechen. Und zweitere transformiert die Emotionen, verändert die Empfindungen im persönlichen wie im öffentlichen Bereich. Nussbaum nennt diesen Prozess „Zorn des Übergangs“: „Wie empörend. Dagegen sollte etwas unternommen werden.“ Dieser Zorn ist auf die Zukunft gerichtet. „Der vom Zorn umfasste Gedanke an Vergeltung oder Heimzahlung ist bei einer vernünftigen und nicht übermäßig ängstlichen und statusfokusierten Person nur ein kurzer Traum, eine Wolke, die bald durch vernünftigere Vorstellungen vom Wohl des einzelnen und der Gemeinschaft vertrieben wird.“

Nussbaum analysiert dazu Martin Luther Kings berühmte Rede vor dem Kapitol in Washington. Die Rede ist eine Abfolge von Emotionen. Sie setzt ein mit dem Zorn. King ruft das Unrecht und die Diskriminierung ab, derer sich die Schwarzen ausgesetzt wissen. Doch dann, wenn die Vergeltung kommen müsste, wechselt King in den „Zorn des Übergangs“: „Während wir versuchen unseren rechtmäßigen Platz einzunehmen, dürfen wir uns keiner unrechten Handlung schuldig machen. Lasst uns nicht den Kelch der Bitterkeit und des Hasses trinken, um unseren Durst nach Freiheit zu stillen“. Dann folgt der Blick nach vorne: „I have a dream.“
Wir bleiben in den USA. Die Exekution des sogenannten Oklahoma Bombers, Timothy McVeigh, ist gut dokumentiert. Die Angehörigen der Opfer hatten die Möglichkeit durch eine Scheibe oder in Großaufnahme das Gesicht Mc Veighs im Todeskampf über eine Kamera zu beobachten. „Ich bin froh, dass ich ihn von so nahe gesehen habe und alles, denn so wusste ich von seinen Augen und seinem Ausdruck, was er gefühlt hat“, sagt eine Frau nachher. „Für mich war es eine Enttäuschung, denn es hat nicht lange gedauert. Ich wollte, dass er leidet. Ich wollte, dass er Schmerzen hat, verstehen Sie?“, berichtet eine andere im Gespräch mit Journalisten. Fritz Breithaupt, Professor für Germanistik und Kognitionswissenschaft, bringt diese Schilderungen als ein Beispiel für die „dunklen Seiten der Empathie“. Den Schmerz anderer genießen zu können, verlangt Einfühlung. Das kann bis zu einem empathischen Sadismus gehen: Strafen, demütigen und Herabsetzen werden ein lustvolles Ereignis.
Er habe kein Buch gegen Empathie geschrieben, betont Breithaupt. Empathie macht uns zum Menschen. Aber Empathie kann schief gehen. Zum Beispiel als Helferidentifikation. Jemand braucht Hilfe, unsere Empathie aber gilt in erster Linie dem Helfer, nicht dem, der etwas braucht. Das fördert das Wohlbehagen des Emphathiserenden, aber nicht unbedingt das der Person, der geholfen werden soll. So wird der Hilfesuchende zum verewigten Opfer. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat in diesem Zusammenhang scharfsinnig das Helfen als Opferung und das beständige Schwach halten der Schwachen attackiert.
Daran schließt der „empathische Vampirismus“ (Breithaupt) an, wenn ein Mensch mittels anderer sein Erleben zu erweitern versucht. Eltern, die wie Helikopter über ihren Kindern kreisen und keine Sekunde der Beobachtung und Mitsorge auslassen. Oder Mütter, die ihre Kinder auf alle Bühnen dieser Welt begleiten, um zu erleben was ihnen selber abgeht oder abgegangen ist. Und auf noch etwas weist Breithaupt hin. Empathie kann zu Selbstverlust führen. Leute agieren im Mitfühlen ihre Emotionen völlig aus, werden von den Emotionen überschwemmt.

Martha Nussbaum, die Empathie positiv bewertet, stimmt an diesem Punkt aber mit einem Plädoyer für ein Einhegen ausufernder, überschwemmender Emotionen ein. Sie zitiert Martin Luther King: „Ich habe nicht gesagt: Werdet Eure Unzufriedenheit los!“ Zorn leiste einen nützlichen Beitrag dazu, sich zu engagieren. Aber die Konzentration muss der Zukunft gelten und zwar mit Hoffnung und Vertrauen, dass Besseres möglich ist. Sonst wird der Zorn zu einem narzisstischen Akt der Selbstunterwerfung, wird die Wut paradoxerweise zu einer sich selbst zerfressenden Einübung ins Gehorchen.
Anders Nelson Mandela, den Nussbaum anführt. Den „Übergang des Zorns“ geht er mit der Einsetzung der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Täter machen ihre Aussage über das, was war, dafür bekommen sie Amnestie. Die öffentliche Anerkennung von Unrecht ist notwendig, um Vertrauen zu erhalten, zu stärken oder es wieder herzustellen. Sie ist zentral für die Ausrichtung auf die Zukunft. Unrecht bekennen und vergeben kommen in der Kommission übrigens nicht vor. Nussbaum sieht in der „protokolierenden Vergebung“ in ihrem Dreischritt von Erniedrigen, Gestehen, Bereuen keinen Fortschritt. Der Erfolg Mandelas bestand darin, Unrecht sichtbar zu machen und als wahr anzuerkennen. Und dann mit dem „Zorn des Übergangs“ den Blick auf die Zukunft zu richten. Wie die Eryinnen in Athen, die dem Recht weichen mussten – aber sich mitverwandelten zum Wohle der Stadt. Das muss aber nicht immer so bleiben. Der blinde Zorn ist nicht ewig transformiert, sondern auch akut gebunden. Den Kampf führen Erynnien und Eumeniden mit sich selbst. Das lässt Nussbaum aus, Aischylos nicht.

Erschienen in: „Spectrum“ der Tageszeitung „Die Presse“, 22.12.2017

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