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Martin Schenks Blog

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Lebensmittel, die man nicht essen kann

Mai 2nd, 2018 · No Comments · Uncategorized

   

Was das Soziale schwächt: Ohnmacht, Beschämung, Isolation und Neid. Was stärkt: Gestalten Können, Anerkennung erfahren, Ausgleich erleben und Genießen dürfen.

„Wenn der erste Spieler sich sofort alle großen Straßen unter den Nagel reißt und die anderen nur noch abzockt, dann können die das kaum mehr aufholen.“ Marcel-André Merkle entwickelt Brettspiele. Mit seinen Kolleg/innen zählt er weltweit zu den innovativsten Spielemachern. Der Startvorteil der ersten Spieler/innen gehört zu den größten Herausforderungen für Spiele-Entwickler. Die Dynamik des Spiels führt oft dazu, dass sich ein Vorsprung über die Spieldauer verstärkt und ab einem bestimmten Punkt kaum mehr umkehrbar ist. Es werde als frustrierend und ungerecht erlebt, erklärt Merkle, wenn der Verlauf davon abhängt, wer als erstes beginnt. Die Spiele-Gestalter haben darauf mit unterschiedlichen Strategien reagiert. Wenn zum Beispiel in jeder Runde neue Ressourcen ausgegeben werden, dann sinke die Gefahr massiv, dass einzelne Spieler den Anschluss verlieren.

Das bekannte Spiel Monopoly war übrigens als Lehrspiel gedacht. Zu diesem Zweck schuf Elisabeth Magie Ende des 19.Jahrhunderts zwei Spielvarianten. Die eine ist im Grundprinzip die bis heute bekannte. Bei der Alternative nahm sie eine Steuer, die „single tax“, mit als Spielregel dazu. Bei der heute allein bekannten Variante bleibt ein Monopolist übrig, dem als Gewinner alles gehört, während bei der damaligen zweiten Alternative ohne Bodenspekulation die meisten Mitspieler im Spielverlauf immer wohlhabender werden.

„Zentral ist das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Menschen müssen das Gefühl haben, dass ihr Handeln Einfluss auf den Verlauf des Spiels hat.“ Der Spiele-Gestalter testet seine Regeln mit mehreren Gruppen, bevor ein Spiel produziert wird. Dabei beobachtet er, welche Wirkung die Regeln haben, und ob sich die Spieler an die Spielanleitung halten. Ein Spiel, das als gerecht empfunden wird und dessen Regeln anerkannt werden, verbindet laut Merkle auf ideale Weise Elemente des Zufalls, der Geschicklichkeit und des „sozialen Ausgleichs“. Abgeschlagene Spieler, die die Regeln als ungerecht empfinden, können sich Brettspiel-Macher einfach nicht leisten. 

Wo wir gestalten können, Anerkennung erfahren und sozialen Ausgleich erleben, dort wächst Vertrauen.

Das erinnert an die Resilienzforschung, die sich damit beschäftigt, was Menschen „widerstandsfähig“ macht, gerade in schwierigen und belastenden Situationen. Was stärkt, was schwächt? Lebensmittel sind etwas zum Essen. Es gibt aber auch Lebensmittel, die wir nicht essen können und trotzdem zum Leben brauchen. Es sind vor allem drei „Lebens-Mittel“, die stärken: Erstens ist da Freundschaft. Soziale Netze und tragfähige Beziehungen stärken. Das Gegenteil schwächt: Einsamkeit und Isolation..

Das zweite Lebensmittel ist Selbstwirksamkeit. Das meint, dass ich das Steuerrad für mein eigenes Leben in Händen halte. Das Gegenteil davon ist Ohnmacht: das schwächt. Kann man selber noch irgendetwas bewirken, ergibt Handeln überhaupt einen Sinn? Das Konzept der „Kontrolle“ spielt eine zentrale Rolle in der Vermittlung von Belastungen, Anforderungen, Bewertungen und Reaktionen. Da geht es darum, die Welt „im Griff zu haben“ und Anforderungen als Herausforderung zu erleben. Das Kohärenzgefühl bzw. den Kohärenzsinn definierte der Arzt Aaron Antonovsky als eine globale Orientierung, die das Maß ausdrückt, in dem man ein durchdringendes, andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die eigene interne und externe Welt vorhersagbar ist und dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann. Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei miteinander verbundenen Komponenten zusammen: Verstehbarkeit (comprehensibility) bezeichnet das Ausmaß, in dem Reize, Ereignisse oder Entwicklungen als strukturiert, geordnet und vorhersehbar wahrgenommen werden. Handhabbarkeit (manageability) bezieht sich auf das Ausmaß, in dem eine Person geeignete personale und soziale Ressourcen wahrnimmt, um interne und externe Anforderungen bewältigen zu können. Sinnhaftigkeit (meaningfulness) schließlich meint das Ausmaß, in dem eine Person ihr Leben als sinnvoll empfindet und zu mindestens einige der vom Leben gestellten Anforderungen als Herausforderungen betrachtet, die Engagement und Investitionen wert sind. Der Kohärenzsinn bestimmt, ob Anforderungen als Herausforderung gesehen werden können, oder als drückende Überlastung. Er ist eine komplexe Subjektvariable, die eine Struktur der Meinung über die Welt, die eigene Person und die eigenen Relationen mit der Welt beschreibt. Aus dieser Überlegung heraus, wird der sense of coherence auch als „Weltsinn“ bezeichnet. Antonovsky betonte, dass der Kohärenzsinn auf gesellschaftliche Bedingungen bezogen sei. Keine Handlungsspielräume haben, weniger Anerkennung bekommen und von Dingen ausgeschlossen zu sein, über die andere sehr wohl verfügen, ist Ausdruck einer sozialen Krise, in der auf Dauer die Selbstwirksamkeit und die Selbstregulation der betroffenen Personen leidet.

Das dritte Lebensmittel ist Anerkennung. Anerkennung und Respekt stärken. Das Gegenteil ist Beschämung. Das wirkt wie Gift. Sie strengen sich voll an, und kriegen nichts heraus. Der belastende Alltag am finanziellen Limit bringt keine „Belohnungen“ wie besseres Einkommen, Anerkennung, Unterstützung oder sozialen Aufstieg. Eher im Gegenteil, der aktuelle Status droht stets verlustig zu gehen. Dieser schlechte Stress, der in einer solchen „Gratifikationskrise“ (Siegrist 2008) entsteht, wirkt besonders dort, wo man nichts verdient und nichts zu reden hat. Dauern diese Ohnmachtserfahrungen an, lernen wir Hilflosigkeit: Lass mich erleben, dass ich nichts bewirken kann. Wer feststellt, dass er trotz aller Anstrengungen nichts erreichen kann, der wird früher oder später resignieren und aufgeben. Der Giftcocktail besteht aus drei Zutaten: aus hoher Anforderung, niedriger Kontrolle und niedriger Anerkennung Das ist wie Vollgas bei angezogener Handbremse fahren.. Zentral ist immer die Verletzung sozialer Gegenseitigkeit.

Diese „LebensMittel“ sind nicht nur individuell zu deuten, sondern sie sind auch Anfragen an unsere Institutionen: Schule, Sozialamt, AMS, Altersheim, etc. Sind dort die stärkenden Lebensmittel erfahrbar – oder werden Menschen an diesen Orten weiter geschwächt?

Stereotype Threat – Bedrohung durch Beschämung

Auf einem Dorfplatz, spät nachmittags. Eine Kinderschar sitzt am Boden über Papier gebeugt, rechnet, zeichnet und schreibt. Zwei Frauen haben den Kindern, die sowohl aus einer höheren wie aus einer niederen indischen Kaste kommen, Aufgaben vorgelegt. Das Kastensystem ist trotz gesetzlicher Verbote noch immer kulturell stark wirksam. Später werden die beiden  Ökonominnen Karla Hoff und Priyanka Pandey die Ergebnisse dieses ungewöhnlichen Feldversuches veröffentlichen. In einem ersten Durchgang schnitten die Kinder aus den niederen Kasten leicht besser ab als die aus den höheren. Niemand wusste, wer welcher Kaste angehört. Dann wiederholte man das Experiment. Zuerst mussten die Kinder vortreten, sich mit Namen, Dorf und Kastenzugehörigkeit vorstellen, dann durften sie die Aufgaben lösen. Das Ergebnis: Die Leistungen der Kinder aus den unteren Kasten waren deutlich schlechter. Dieser Effekt zwischen Kindern aus reicheren und ärmeren Elternhäusern wurde mittels Untersuchungen auch in den USA wie in Europa festgestellt.

Wenn man eine Gruppe verletzlich macht hinsichtlich negativer Vorurteile, die in der Gesellschaft vorherrschen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wer damit rechnet, als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen. »Stereotype threat« wird dieser Effekt genannt, Bedrohung durch Beschämung. Umgedreht heißt das, dass die besten Entwicklungsvoraussetzungen in einem anerkennenden Umfeld zu finden sind, dort wo wir an unseren Erfolg glauben dürfen. Zukunft gibt es, wo wir an unsere Fähigkeiten glauben dürfen. Weil andere an uns glauben. Wo ich meinem Können traue, dort gibt es auch welche, die mir etwas zu-trauen. Statusangst und die Folgen negativer Bewertung sind Lern- und Leistungshemmer.

Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe zwischen Statusgruppen. Ich werde zum Objekt des Blickes anderer. Andere bestimmen wie ich mich zu sehen habe. Betroffene fürchten ihr Gesicht zu verlieren und wissen ihr Ansehen bedroht. Beschämung hält Menschen klein und rechtfertigt die Bloßstellung und Demütigung als von den Beschämten selbst verschuldet. Das ist das Tückische daran. Soziale Scham fordert dazu auf, eine Erklärung für den Sinn der Verletzung zu finden, die man zuvor erfahren hat. „Damit der Akt der Beschämung seinen Zweck erreicht, muss für den beschämenden Mangel die Verantwortlichkeit auf die beschämte Person selbst übertragen werden“, erläutert dazu Soziologe Sighard Neckel. Beschämung beruhe ja auch darauf, den anderen zum Objekt der eigenen Freiheit zu machen, der damit im gleichen Maße Freiheit und Autonomie verliert. Neckel beschreibt die vielfach eruptive Wut, die wir in den sozialen Netzen und sonstwo erleben, als „nach außen gekehrte Scham“.

Neid: Du oder Ich (aber nicht wie beide)

Bist Du neidisch auf Mindestsicherung? Bist Du neidisch auf Übernachten im Notquartier? Bist Du neidisch auf Arbeitslosigkeit? Ist es richtig, dass der Neid ein Gefühl ist, das uns erfasst, wenn wir beobachten müssen, dass jemand Anderer etwas Großes, Schönes, Bedeutendes besitzt, das wir selbst gerne hätten?
Nein, antwortet der Philosoph Robert Pfaller. Erstens geht es beim Neid nicht um etwas Großes, Schönes, Bedeutendes. Zweitens geht es nicht darum, dass wir es bekommen, sondern darum, dass der Andere es nicht hat, und drittens wollen wir selbst es gar nicht haben.

Aber der Reihe nach. Der Neid trifft das Nahe, Ähnliche, Winzige, die kleine Abweichung. Das Auto des Nachbarns, das Engagement der Kollegin, das Handy nebenan. Nicht der viel Reichere wird von mir beneidet, sondern wie auch schon Aristoteles vor über 2000 Jahren bemerkte, der Vergleichbare. Wer einige Euro mehr oder weniger hat, treibt mich zur Weißglut, nicht die Millionen in den Steueroasen. Der Neid ist ein Phänomen der Nähe und der feinen Unterschiede.

Zweitens geht es darum, dass es der Andere nicht hat. Bekomme ich das, was ich dem anderen neide, bin ich überhaupt nicht zufrieden, ich suche ein weiteres noch kleineres Detail, das ich dem anderen dann missgönne. Neide ich dem Nachbarn sein Auto, weil es eine so schöne Farbe hat, und würde ich mir dann das gleiche Auto mit selber Farbe zulegen, wäre ich zufrieden? Nein, eine neue kleine störende Differenz wäre da, z.B das coole Autoradio. Die Unzufriedenheit geht erst dann weg, wenn jemand in das parkende Auto rast und es Totalschaden hat. Der Neid möchte in letzter Konsequenz die Vernichtung des beneideten Objekts.

Wir wollen das, worum wir den Anderen beneiden, selbst gar nicht haben. Würde der, der die Mindestsicherungsbezieherin ob ihres angeblich schönen Lebens beneidet, selber mit der Armutsbetroffenen tauschen? Nein. Er würde sagen, so hat er das auch wieder nicht gemeint. Aber die Mindestsicherung soll gekürzt werden.
Das ist eine narzisstische Logik. Dem Neider wird der beneidete Andere zu „seinem Anderen“, das heißt: zu dessen gesamter übriger Welt, zu dessen „absolutem Horizont“. Es gilt: Du oder ich – aber nicht wir beide. In der Folge: Wenn Du es hast, dann kann ich es nicht haben. Und die phantastisch trügerische Umkehrung: Wenn du es nicht hast, dann habe ich es.

Der Neid ist gesellschaftlich entsolidarisierend, ein Gift, das Leute mit ähnlichen Interessen spaltet. Bei einer Auseinandersetzung um besseres Gehalt in einem englischen Unternehmen verzichteten Arbeiter auf einen Teil der Lohnerhöhung, um zu verhindern, dass eine rivalisierende Gruppe ihnen gleichgestellt wird. Der Grund, einem anderen das nicht zu gönnen, ist so stark, dass man selber den Nachteil in Kauf nimmt. Umgekehrt formuliert: Der Neid schadet einem selbst, weil man sich das, was einem nützt, selbst versagt. Der Neid narkotisiert den eigenen Genuss. Die Mindestsicherung ist ein gutes Beispiel. In Niederösterreich und jetzt auch in Oberösterreich wird Asyl als Grund für die Kürzungen vorgeschoben, aber es trifft Alleinerziehende, familienreiche Kinder, pflegende Angehörige und schadet damit allen. Durch den Neid auf die Flüchtlinge vergisst man das. Das ist das Geschäft von Trickdieben: Es braucht immer einen, der ablenkt, damit dir der andere die Geldbörse aus der Tasche ziehen kann. Der Neid ist der Feind des Miteinander und der Freund der Mächtigeren. Er ist ein Instrument, um die, die sich eigentlich zusammenschließen könnten, um ihre eigene Lebenssituation zu verbessern, zu spalten. Diese Verblendung, dass der Neider lieber selbst auf etwas verzichtet, als es dem Beneideten zu gönnen, schadet ihm selbst und nützt den weit Mächtigeren..
Nur so kann man verstehen, warum Mindestsicherungsbeziehern ihre 4 Euro am Tag geneidet werden.

Nichts zu lachen. Genießen verboten.


Ein E-Mail landet in meinem Postfach. Betrifft: Sendung gestern Abend. „Habe die Diskussion im Fernsehen gesehen“, schreibt Frau Waltraud V. „Meine Meinung ist, wer immer genug eingezahlt hat, bekommt auch im Alter genug zum Leben. Ist ja nur gerecht, wer immer brav arbeiten war und immer eingezahlt hat. Der Staat muss mich dann erhalten – auch solche Leute gibt es.“ Und weiter: „Bei mir war es so: Ich hatte eine Operation und wurde in die Pension geschickt. Grund: Man hatte keine Verwendung mehr für mich. Also gut, was sollte ich machen, aber der Gipfel war dann, man hat mir 16% abgezogen, da ich nur dreißig Jahre gearbeitet habe. Das hat auch keinen gekümmert, und ich war immer arbeiten und werde noch bestraft mit den Abzügen. Ich hab’ auch nur eine kleine Pension. Mir hat man gesagt, sie haben ja einen Mann, was für mich nicht gerecht ist, denn ich war ja arbeiten mein Leben lang bis zur Operation. Nur weil ich einen Mann habe, steht mir keine größere Pension zu?“ Das E-Mail endet mit zwei Sätzen: „Die wollen ja gar nicht arbeiten, und da sehe ich nicht ein, dass man so etwas unterstützt. Die lachen und sagen, wir bekommen eh alles, wozu soll ich arbeiten.“
In diesem Schreiben kommen die gesamten gesellschaftlichen Widersprüche zum Ausdruck, materialisiert in den Konflikten, in denen die Briefschreiberin sich befindet. Nur wer arbeitet, soll auch eine Pension bekommen, dekrediert Frau V. zu Beginn. Im Umkehrschluss deutet sie an, dass, wer das zu wenig getan hat, auch keine Pension bekommt. So ist das. Pech gehabt. Braucht sich keiner aufregen. Dann aber regt sich doch jemand auf. Und zwar sie selbst. Über die Tatsache, dass sie bis zu ihren gesundheitlichen Problemen gearbeitet hat, dann aber in Rente gehen musste und nun weniger bekommt. Was sie nicht fair findet und für sie auch zur Folge hat, von ihrem Mann abhängig zu sein. Lachen, das sie den Anderen zuordnet, würde sie wohl selbst gerne. Das Enteignete wird gegenüber einer als anders definierten Gruppe als Eigenes angesprochen. Es war offensichtlich nicht sie, die die Regeln aufgestellt hat, welche Frauen ein hohes Armutsrisiko bei Pensionen bescheren. Der Pensionsregeln werden gegenüber dem Anderen als Eigentum reklamiert, aber zugleich im Verhältnis zur eigenen Person als fremd angesprochen.     
Das ungelebte, für unmöglich gehaltene Leben wird von den anderen gelebt und erscheint somit als möglich. Es ereignen sich zwei Dinge. Einerseits die Ausblendung des eigenen Wunsches auf eine unabhängige Existenzsicherung, andererseits die Unterordnung unter die Instanz, die diesen Wunsch verunmöglicht. Und lachen tun die anderen. In vielen Postings kommt das zum Ausdruck. Die anderen lachen, wo ich nichts zu lachen habe. Das heißt auch: Der Andere genießt, obwohl ich nicht darf. Ich verzichte auf das, was ich eigentlich gerne hätte oder gerne wäre, was mir gefällt, Spaß macht, ein gutes Leben ermöglicht bin es aber gleichzeitig allen anderen neidisch, die sich das gönnen. Es handelt sich hier um ein eingesperrtes Genießen, das beziehungslos bleibt. Dabei kommt das Genießen von seiner Begriffsgeschichte ganz woanders her: Das mittelhochdeutsche geniesz bezeichnete eine gemeinsame nutznieszung. Der Genuss im ursprünglichen Sinne des Wortes ist nicht ein besonders einsamer, enger und konsumistischer Akt, sondern ein geteilter. Man genießt gemeinsam die Früchte der Erde. Das tut allen gut. Das Wort genießen hängt schließlich auch mit genesen zusammen. „Weil wir das, was wir wollen, selbst zu hassen begonnen haben, und es in diesem Hass verkleidet genießen, brauchen wir die Fiktion des anderen als eines echten Besitzers des Glücks, den wir dann genauso hassen wie dieses Glück. Denn wir dürfen uns ja nicht eingestehen, dass wir selbst den Hass auf das Glück dem Glück vorgezogen haben“, so der Philosoph Robert Pfaller.

Die eigene Ohnmacht produziert Machtansprüche gegenüber anderen Ohnmächtigen. Diese genießen in unserer Phantasie, was wir zu genießen wünschen, uns aber durch die herrschenden Verhältnisse verboten wurde. Das ist ein Ringelspiel „rebellierender Selbstunterwerfung“. Ein weiterer Mechanismus, der uns von unseren Bedürfnissen und denen der Nächsten entfremdet, ist die Identifikation mit dem Angreifer. Das bedeutet mit dem gleich zu werden, der uns etwas aufzwingt. Anderen Menschen Angst machen hilft manchen Leuten dabei, die Angst, die sie haben, nicht spüren zu müssen, wie die Psychoanalytikerin Anna Freud beschreibt. „Du musst nur spielen, dass du selber der gefährliche Mann bist, der dir begegnen könnte“, rät die ältere Schwester ihrem kleinen Bruder. „Dann brauchst Du Dich nicht zu fürchten“. Auf Dauer ein selbstzerstörerisches Spiel.

Aus diesem Befund ergeben sich drei Perspektiven: Das Gegenteil von Ohnmacht ist Selbstwirksamkeit, das Gegenteil von Neid ist Genießen-Können, das Gegenteil von Kränkung ist Anerkennung.

  1. Menschen in eine Position der Stärke bringen. Selbstwirksamkeit und Ermächtigungen ermöglichen. Man muss Leute in ihren Handlungsmöglichkeiten stärken, das kann im Betrieb sein, in der Schule, im Dorf. Da geht es um Gestalten und um sinnvoll Tätig-Sein.

2.  Nicht «Ängste und Sorgen» nachplappern und damit die ganze Gesellschaft noch weiter neurotisieren, sondern an den gefesselten Verwirklichungschancen ansetzen, den Genuss, den man sich selbst versagt, offenlegen. Je schlimmer das eigene Sich-Versagen, desto härter die Absage an die Schwächeren. Wer nicht mehr genießen kann, nicht mehr genießen darf, wird ungenießbar.

3. Das Dritte ist, Kränkungen ernst zu nehmen und nicht zuzukleistern mit einem „Wird eh alles gut, nicht mit Ignoranz oder trügerischen Hoffnungen antworten.  Da geht es um Anerkennung und darum, Menschen in ihrem Alltag Achtung und Würde nicht zu versagen.

Risse

Eine blitzförmige Narbe steht auf Harry Potters Stirn. Die Verletzung wurde ihm als Baby zugefügt, als Voldemort, der böse und mächtige dunkle Lord, ihn zu töten versuchte. Diese Narbe schmerzt Harry noch immer, und sie erinnert ihn beständig an seine Mutter, die starb als sie sich schützend vor ihr Baby warf.

Die Narbe sagt, du bist verletzlich. Kein unverwundbarer Held, kein Panzer auf zwei Beinen. „Du brauchst dich für das, was du fühlst nicht zu schämen, Harry, Im Gegenteil, die Tatsache, dass du Schmerz wie diesen empfindest, ist deine größte Stärke.“, so versucht der Leiter der Schule in Hogwarts, Professor Dumbledor, Harry zu ermutigen, seinen Schmerz zuzulassen. Harry ist kein unverwundbarer Superheld, sondern verletzlich. Und was er schafft, erringt er mit der Hilfe anderer. Da sind seine Freunde Ron und Hermine, da ist Professor Dumbledor, der in letzter Minute Unterstützung bringt, da ist der tiefe Gedanke an seinen Vater, der ihm einen Beschützer gegen die lebendig-todbringenden Dementoren schickt, da ist  Harrys Mutter, die ihn vor Voldemort bewahrt und deren liebendes Vermächtnis Harry stark macht. Es ist die Qualität von Harrys persönlichen Beziehungen, denen er seine Fähigkeiten verdankt.

„Jeder kann gewinnen, wenn er nur will“ oder „jeder ist seines Glückes Schmied“ – das sind die Parolen der vermeintlich unverwundbaren Superhelden. In den letzten Jahren haben sich zwei ideologische Stränge miteinander verwoben. Die Sündenbockgeschichte mit ihrer Kernaussage „Wenn die nicht wären, wäre alles besser“, und die Ideologie der Gewinner: „Jeder kann gewinnen, wenn er nur will.“ Zum Gewinner blickt man nach oben, beim Sündenbock blickt man nach unten. Mit dem Gewinner ist man eins, den Sündenbock schmeißt man raus. „Wenn die nicht wären, wäre alles besser“, Eine Gruppe finden, die an allem und jedem schuld ist. Schuld an dem, was schief läuft in einem Gemeinwesen. Und sich dann vorstellen, dass alles besser wäre, wenn die nicht mehr da wären.

Daran schließt die Ideologie der Gewinner unmittelbar an. Umgekehrt ausgedrückt: selber schuld, wer es nicht schafft. Diese Ideologie ist besonders wirkungsvoll, weil sie „Verlierer“ beschämt und „Gewinner“ bestätigt. Sie stützt die, die es geschafft haben, und hält die, die am Boden sind, still. An die „Verlierer“ ergeht die Aufforderung, fair zu bleiben, die Niederlage mit einer Gratulation an den „Gewinner“ hinzunehmen, sich schlussendlich mit diesem zu identifizieren. Das Leben – ein olympischer Gedanke. „Dabei sein ist alles“, aber bitte in der unteren Etage. Und bitte weiter lächeln! Die großen Enttäuschungen, die Niederlagen, die Risse, dürfen dann gar nicht wahrgenommen werden, da überhaupt keine Enttäuschung wirklich respektiert wird. Alle Enttäuschungen werden beschwichtigt oder zu verlogenen Heldenstories umgebogen.

„Du bist verletzlich“, sagen aber die großen Menschheitsgeschichten. Die Achylesferse erinnerte den griechischen Kämpfer Achyl daran, und trotz Bad im Drachenblut fiel Siegfried das Lindenblatt auf die verletzliche Schulter. Oder die Geschichte der Geburt eines Babys in einem Stall – stark und zerbrechlich zugleich.

Unverwundbarkeit ist gar nicht möglich und zu wünschen ist sie auch nicht. Unverletzlichkeit birgt die Gefahr der Gnadenlosigkeit in sich. Denn nur wer selbst verletzlich ist, kann auch die Verwundbarkeit des anderen wahrnehmen. Der große Songwriter Leonard Cohen hätte beim Blick auf Harry Potters Narbe wohl mit seinen berühmten Liedzeilen geantwortet:  „Vergesst euer perfektes Opfer. Da ist ein Riss, ein Riss in allem. So kommt das Licht herein.- Forget your perfect offering / There is a crack in everything / That‘s how the light gets in“

Es sind die Risse, durch die das Leben hereindringt.

Parlament der Unsichtbaren

Der Eintritt ein Gedicht. Der Zugang ein Lied. Der Türöffner eine Kurzgeschichte. Heute abends wird zum Treff in die Diakonie-Notstelle s`Häferl geladen, dem Wirtshaus für Leute, die es eng haben und am Limit leben. Gekommen sind Anneliese, die mit ihrer Mindestpension mehr schlecht als recht durchkommt, da ist Kurt, den der Arbeitsmarkt ausgespuckt hat wie ein ungenießbares Stück Fleisch, gekommen ist Lisa, die mit Krankheit und dem Alltag kämpft. Für Essen und Trinken ist gesorgt. Anneliese liest ihre vor einigen Tagen verfasste Kurzgeschichte über eine verflossene Liebe vor, Kurt gibt Stanzln aus seiner früheren Arbeit zum Besten, Lisa wagt sich an ein Gedicht, das ihr in der Straßenbahn eingefallen ist. Alle sind sie sonst als unbrauchbar abgestempelt worden, vom Arbeitsmarkt als chancenlos tituliert, in der Öffentlichkeit unsichtbar gemacht. Doch hier im Häferl wird das wie zu einer „Inventur der verborgenen Talente“, all die ökonomisch entwerteten Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen werden gehoben, sichtbar und hörbar.


Anderer Schauplatz. Gespräche und Interviews mit angelernten Arbeitern, Facharbeitern sowie prekär beschäftigten Frauen in der Steiermark. Die Männer haben Entlassungen, Wiedereinstellungen und wieder Entlassungen erlebt. Die Frauen berichten von unsicheren, schlecht bezahlten Jobs, langen Phasen der Erwerbslosigkeit und der Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die schwierigen Arbeitsbedingungen nehmen die Männer in Kauf für soziale Sicherheit, einen bescheidenen Wohlstand und soziale Anerkennung. Die Frauen sind stolz, alles zu schaffen, ein eigenes Einkommen und auch Zeit für die Kinder zu haben. Das Versprechen aber, dass Leistung und Arbeitseifer soziale Sicherheit und Achtung garantieren, ist ins Wanken geraten. Sie alle haben sozialen Abstieg erlebt: beruflichen Abstieg vom Metallarbeiter zum Straßenreiniger, Lohnverlust, erzwungene Frühpensionierung. Sie fühlen sich um das versprochene Lebenskonzept betrogen, das einen Tausch von harter Arbeit gegen bescheidenen Wohlstand und einen anerkannten sozialen Status vorsieht. Die Frauen haben immer in prekären Jobs gearbeitet, aber auch immer wieder einen Job bekommen. Diese Arbeitsmarktchancen im unteren Lohnsegment sind jetzt im Schwinden. “Wer nimmt mich mit über fünfzig, es wird immer schwieriger.“ Ausbildung, Fleiß, Entsagungen, Treue – all das schützt nicht vor Abstieg. Das nehmen die Betroffenen als eklatanten Verstoß gegen die Fairness wahr, als eine tiefe Verletzung und Kränkung. Dafür gibt es öffentlich keine Sprache. Ihre Situation wird heruntergespielt oder mit leeren Durchhalteparolen zugedeckt. „Wer sieht unsere Sorgen und Ängste?“, höre ich immer mehr Leute bei uns sagen, die nicht auf die Butterseite des Lebens gefallen sind. Die Debatte über Mindestsicherung beispielsweise findet seit zwei Jahren ohne die Betroffenen statt. Und niemand scheint es aufzufallen.

Es geht um relative Verschlechterungen und Gefährdungen. Gefühle der Ungerechtigkeit und Gefühle der Ohnmacht kommen zusammen. Es gibt eine klare Verbindung zwischen Unsicherheit und Kontrollverlust auf der einen sowie Abwertungs-und Ausgrenzungsideologien auf der anderen Seite. Gegenseitigkeit ist gebrochen, unausgesprochene Übereinkunft einseitig beendet worden. Um diese Grenze der Respektabilität wurden in der Geschichte die wichtigsten Auseinandersetzungen geführt. Durch die seit den 1950er Jahren erkämpfte Teilhabe an Wohlstand, Bildung und sozialer Sicherung wurde die große Mehrheit der Arbeitnehmer und kleinen Selbständigen in diese soziale Mitte der Respektabilität integriert. Eben dieses Sozialmodell steht heute wieder zur Disposition. Mehr Abhängigkeit und weniger Anerkennung prägen den Arbeitsalltag. Anerkennungsverhältnisse spielen eine wichtige Rolle.

 „Nicht wahrgenommen“ werden bedeutet aber auch „ausgeschlossen sein“. Der Demokratietheoretiker Pierre Rosanvallon argumentiert, dass heute die Sehnsucht nach einer gerechten Gesellschaft verbunden ist mit dem Wunsch nach Anerkennung. Und genau hier müsse eine Erneuerung der Demokratie ansetzen: bei jenen, deren Leben im Dunkeln bleibt, die nicht repräsentiert werden, die nicht sichtbar sind. In Paris gründete Rosanvallon ein „Parlament der Unsichtbaren“, das dazu dient, all die Geschichten von Menschen zu erzählen, die sonst im Dunkeln geblieben wären: von Jugendlichen, die sich durchkämpfen, von Arbeiterinnen im Niedriglohnsektor, vom alten Mann am Land. Für viele ist es schwierig geworden, die Gesellschaft noch zu lesen und sich selbst mittendrin. „Es untergräbt die Demokratie, wenn die vielen leisen Stimmen ungehört bleiben, die ganz gewöhnlichen Existenzen vernachlässigt und die scheinbar banalen Lebensläufe missachtet werden“

Achtung!

Es gibt etwas in unserem Leben, das einfach wichtig ist. Bestimmte Bedürfnisse, die gestillt werden müssen. Dazu gehören auch Lebensmittel, die man nicht essen kann, aber trotzdem zum Leben braucht. Fünf Mängel zählt Psychologe Abraham Maslow auf, die uns bei Nichtbefriedigung empfänglich für Hetze aller Art machen: Hunger & Durst, Gewalt & Arbeitslosigkeit, Isolation & Einsamkeit, fehlende Achtung & Wertschätzung, Brachliegen der eigenen Potenziale. „Wer dauernd hungert, wird jenen folgen, die Brot versprechen. Jene, die Sicherheit garantieren, werden bei Verängstigten und Traumatisierten einen Zuhörer finden“, analysiert dazu der Netzwerkforscher Harald Katzmair. „Jene, die Teilhabe anbieten, werden beim Einsamen Resonanz erzeugen. Jene, die sagen: So wie Du bist, bist du ein wertvoller Mensch, werden bei denen, die nie im Licht der Anerkennung stehen, Anklang finden. Die in Hierarchien eingepferchten werden jene, die neue Spielräume ermöglichen, als Befreier sehen.“ Wer diese Grundbedürfnisse nicht mehr auf dem Radar hat, wird auch nichts ausrichten gegen Ideologien der sozialen Ausgrenzung. Vor allem das Bedürfnis nach Wertschätzung, Würde und Integrität von all jenen, die sich nicht täglich im Lichte des Erfolgs sonnen können, ist aus dem Blick geraten.

Lehrlinge werden beispielsweise nur im Hinblick auf ihre Funktionalität für den Arbeitsmarkt gesehen, es kommt nur die „halbe Persönlichkeit“ der sich in der dualen Ausbildung befindlichen jungen Menschen in den Fokus der öffentlichen Diskussion, kritisiert der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier: „Der Mensch außerhalb der Arbeit, der politische Mensch, der Freizeitmensch, der Beziehungs- und Familienmensch ist den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft offensichtlich völlig egal. Die Rechnung bekommt die etablierte Politik dafür bei jeder Wahl präsentiert. Die Lehrlinge, die sich von den etablierten Schichten nicht genügend anerkannt und wertgeschätzt fühlen, sind zur passiven Rebellion gegen das System angetreten.“

Eine weitere Beobachtung liefert der Soziologe Didier Eribon, der in seine Geburtsstadt Reims zurück kehrt und sich auf die Spuren seiner Familie begibt. Die Fabriksarbeiter seiner Verwandtschaft wählen alle die Rechtsextremen. Eribon schreibt, „dass man die Zustimmung zum Front National zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten interpretieren muss. Sie versuchen, ihre kollektive Identität zu verteidigen, oder jedenfalls eine Würde, die seit je mit Füßen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten.“ Aus Arbeitern wurden „sozial Schwache“, aus Proletarierern  „bildungsferne Schichten“. Aus Akteuren, die Rechte einforderten, wurde ein Sammelsurium von Opfern und Hilfsbedürftigen gemacht. Die einen verwandeln sie in Objekte sozialmoralischer Pädagogik, in defizitäre Unterschichtsdeppen, die nichts können. Die anderen betrachten sie als Objekte erobernder Fürsorge, als immerwährende Opfer, die alles brauchen. Aber nie als Akteure, als Handelnde, als Subjekte. Es gibt eben Lebensmittel, die man nicht essen kann, aber trotzdem zum Leben braucht. Wer nicht im Licht steht, wird jenen vertrauen, die anbieten, was in ihrem Alltag verloren zu gehen droht: Achtung und Würde.

Aus: Genug Gejammert. Warum wir gerade jetzt ein starkes soziales Netz brauchen, Kapitel 2 „Gefühle“, S.43-58, AmPuls Verlag, 2017.

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