Einsamkeit: Fremd zu mir selbst

Wer sich von allen guten Geistern verlassen fühlt, verliert auch das Vertrauen in die Welt rundum, in seine Umgebung, in die Gesellschaft, in die Demokratie.

Sie klopften an 5000 Türen. Und fragten: Was läuft gut, was schlecht an Ihrem Wohnort? Was würden Sie gerne ändern? Die Gespräche fanden in jeweils drei Regionen in Ost- und Westdeutschland sowie Nord- und Südfrankreich statt. Dabei beantworteten die Leute allgemeine Fragen zu ihrer persönlichen Lage sowie zur Sicht auf ihr Lebensumfeld und das Land. Alle Befragten haben sehr offenherzig und lange erzählt. Der Redebedarf war groß; die Erfahrung gut, einmal wahrgenommen zu werden. Das, was alle zur Sprache brachten, das, was in jedem Gespräch sich in der Tiefe äußerte, war: Wir sind hier verlassen worden. Vergessen und abgelegt. Einsam und isoliert. Der letzte Greisler hat geschlossen, der letzte Bus ist eingestellt, der letzte Job ist abgewandert. Die Welt gibt es da draußen, aber ich bin nicht mehr mittendrin. Die Welt mag tönend, farbig, warm und frisch sein. Meine Welt ist es nicht.
Rund jeder Zehnte in Österreich hat niemanden, auf den er zählen kann. Einsamkeit trifft Alte wie Junge. Am höchsten betroffen sind 15- bis 25-Jährige und Personen, die älter als 70 Jahre sind.
Hier geht es nicht um die selbstgewählte Einsamkeit in der Askese oder im Aussteigen oder ein paar Tage allein in die Stille gehen. Den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein macht die Freiheit. Wir wissen die unfreiwillige Einsamkeit, unter der man leidet, zu trennen vom freiwilligen Alleinsein, nach dem man sich bisweilen sehnt. Die Philosophin Hannah Arendt fasst das so zusammen: „Ich nenne diesen existentiellen Zustand, in dem ich mit mir selbst umgehe, „Alleinsein“, im Unterschied zur „Einsamkeit“, in der man auch allein ist, aber nicht nur der Gesellschaft anderer Menschen entbehrt, sondern auch der möglichen eigenen.“ Hier spricht sie etwas an, das bei Einsamkeit oft übersehen wird: Entfremdung; das Gefühl, sich selbst fremd zu werden. Entfremdung verweist auf Bedingungen, unter denen Menschen sich selbst, ihre Mitmenschen und ihre Welt nicht mehr als sinnhaft, gestaltbar oder zugehörig erfahren. „Heute besuch ich mich. Ich hoffe, ich bin daheim.“, hat Karl Valentin tiefgründig gescherzt. Einsamkeit bedeutet, sich von der Welt getrennt fühlen. Die Welt ist fremd geworden zu einem selbst. Wer sich von allen guten Geistern verlassen fühlt, verliert auch das Vertrauen in die Welt rundum, in seine Umgebung, in die Gesellschaft, in die Demokratie. Je einsamer, desto geringer die Wahlbeteiligung und das Vertrauen in demokratische Institutionen.
„Die Welt dreht sich halt weiter und ich komme irgendwie nicht nach.“ Das sagt ein junges Mädchen am Krisentelefon. Die 14jährige lebt mit ihrer Familie in einer zu kleinen Wohnung und erzählt vom Stress in der Schule. Sie findet keinen Zugang mehr zu ihren Freundinnen und allem, was sie umgibt. Was bleibt, ist ihr Handy. Doch die algorithmisch gesetzten Reize bedeuten nicht notwendigerweise echte soziale Nähe oder Anerkennung. Im Gegenteil: das durch Social Media gesteuerte Dopaminfeuer im Kopf zerstreut jegliche Aufmerksamkeit, macht müde und unzufrieden. Was vorgibt, mir die Welt ins Zimmer zu holen, entfernt sie in Wirklichkeit noch von mir.
Einsamkeit tut weh. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das Hirnareal, das durch soziale Ausgrenzung aktiviert wird, ist dasselbe wie beim körperlichen Schmerzempfinden. Evolutionsgeschichtlich war es früher ein Todesurteil, zurückgelassen zu werden in Steppe oder Wald. Das erste Anzeichen von Zivilisation sei ein Oberschenkelknochen, der gebrochen und dann geheilt worden sei, sagt die die Anthropologin Margaret Mead. Kein Mensch vor zehntausenden Jahren hätte ein gebrochenes Bein lange genug überlebt, damit der Knochen heilen kann. Der Fund eines gebrochener Oberschenkelknochens, der geheilt ist, ist ein Beweis dafür, dass sich jemand Zeit genommen hat, bei demjenigen zu bleiben, der gestürzt ist, die Wunde verbunden hat, die Person in Sicherheit gebracht hat und die Person durch Genesung gepflegt hat.
Die junge Frau atmet schwer, kann kaum schlafen.  Sie wird medizinisch untersucht und gut versorgt. Ein Kollege, der das Anamnese-Gespräch mit der Patientin führt, erfährt, wie gerne sie Lieder singt, wie wichtig Musik für sie ist. So hat er die Idee, die Frau zu fragen, ob sie nicht in einem Chor singen wolle? Ob er schauen solle, wo es in ihrer Nähe Singgruppen gäbe? Die Patientin ist sich nicht ganz sicher, wagt sich aber dann doch zur ersten Chorprobe. Das Singen tut ihr gut. Da geht es ums richtige Atmen, ums Luft holen und zum Klingen bringen. „Ich fühle wieder Freude, das gemeinsame Singen ist so befreiend“, erzählt sie. Das Singen im Chor ist ein Beispiel für „soziale Verschreibung“. Es könnte auch ein Tanzkurs, einen Theaterbesuch, eine geführte Wanderung oder ganz was anderes sein. Das „soziale Rezept“ zielt darauf ab, die persönlichen Interessen und sozialen Bedürfnisse einer Person anzusprechen. Oft geht es um Einsamkeit. In Großbritannien, woher die Idee des „social prescribing“ kommt, wird ein „Linkworker“ eingesetzt, der die Vermittlungsarbeit leistet. Verlinken heißt Verbinden. Der Arzt überweist zum Linkworker, der dann mit dem Patienten das konkrete soziale Heilmittel organisiert.
Einsamkeit wird schlimmer mit Armut, bedrohlicher mit gesellschaftlichen Krisen und belastender mit schlechter sozialer Infrastruktur. Wir brauchen eine gemeinsame Kraftanstrengung in Bund, Ländern und Gemeinden, um gute Nachbarschaft zu fördern und Einsamkeit zu verringern. Wir könnten ein koordiniertes Maßnahmenpaket entwickeln, das Grätzelinitiativen, sozialraumorientierte Projekte, Nachbarschaftshilfe und Community-Arbeit gezielt fördert und finanziert. Dabei geht es auch darum, Menschen zusammen zu bringen, die sich gegenseitig unterstützen. Man kann manchmal mit kleinen Begegnungen Großes bewirken. Auch dort, wo öffentlicher Verkehr für ältere Menschen Mobilität ermöglicht, wo es gemeinsamen Raum zum Verweilen gibt, wo eine Politik sozialen Zusammenhalt fördert statt die Bevölkerung zu spalten, wird etwas gegen Einsamkeit unternommen.  
Soziale Isolation geht unter die Haut und verändert die Beziehung zur Welt. Einsamkeit ist kein individuelles Schicksal, sondern geht uns alle an. Wer etwas gegen Einsamkeit tut, tut auch etwas für sozialen Zusammenhalt, Gesundheit und Demokratie.

Erschienen in: Wochenmagazin NEWS, 22.09.2025, Einsamkeit: Fremd zu mir selbst.

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