Die Last der Selbsttäuschung

Demokratien sind unter Druck. Diesseits und jenseits des Atlantiks. Wir gewöhnen uns an das Gift, Dosis für Dosis: „Du hast Dinge akzeptiert, die du vor fünf Jahren nicht akzeptiert hättest, oder vor einem Jahr.

„Jeder Schritt war so winzig, so belanglos, so plausibel gerechtfertigt, dass auf täglicher Basis niemand verstand, was das Ganze im Prinzip bedeuten sollte und wohin all diese ,winzigen Maßnahmen‘ eines Tages führen würden.“ Das schrieb der Publizist Milton Mayer in seiner Studie über Erfahrungen von Leuten der 1930er und 40er-Jahre in Deutschland. Und weiter aus den Interviews: „Auf täglicher Basis verstand es keiner, genau so wenig wie ein Bauer in seinem Feld sein Getreide von einem Tag auf den nächsten wachsen sieht. Jede Handlung ist aber schlimmer als die letzte, doch nur ein wenig schlimmer.“  Jeder einzelne Schritt war so winzig, so plausibel gerechtfertigt. Ein Angriff auf die unabhängige Justiz da, eine Einschränkung der freien Medien dort, eine Beschimpfung von Minderheiten hier, ein Sündenbock da, eine Verhöhnung evidenzbasierter Wissenschaft dort.  
      „Die Last der Selbsttäuschung ist zu schwer geworden, und irgendein unbedeutender Vorfall, in meinem Fall mein kleiner Junge, kaum mehr als ein Baby, der „Judenschwein“ sagt, lässt sie mit einem Mal zusammenbrechen, und du siehst, dass sich alles, alles, vor deiner Nase verändert hat und völlig verändert ist“, reflektiert ein Gesprächspartner aus dem Deutschland vor hundert Jahren, erschüttert über das, was da mit einem selbst möglich wird. Mayers Untersuchung durchziehen gespenstische Beobachtungen und genaue Alltagsbeschreibungen: „Die äußerlichen Formen sind alle vorhanden, alle unberührt, alle beruhigend: die Häuser, die Geschäfte, die Mahlzeiten, die Besuche, die Konzerte, das Kino, die Ferien. Nun lebst du in einer Welt bestehend aus Hass und Furcht, und die Leute, die hassen und fürchten, wissen nicht einmal selbst, dass, wenn jeder transformiert ist, keiner transformiert ist. Du hast Dinge akzeptiert, die du vor fünf Jahren nicht akzeptiert hättest, oder vor einem Jahr.“ Menschenrechte in Frage stellen, eine Bevölkerungsgruppe verantwortlich machen für alles, was schief läuft im Schulsystem, beim Wohnen, in der Gesundheit, sich in Probleme verlieben statt in Lösungen, am Schimpftratsch über Minderheiten teilnehmen, sich über diejenigen lustig machen, die sagen „Jeder ist jemand“. Der Identitäre sieht sich und sein aufgeblasenes Selbst immer knapp vor der Vernichtung. Egal ob in Russland, der Türkei, in Serbien, der Slowakei oder in Ungarn. Viktor Orbán beispielsweise, der als Schrittmacher am autoritären Pfad im Westen vorangeht, betreibt einen sichtbaren Kampf gegen das europäische „Ausland“, gegen bedrohliche „innere Feinde“ und gegen die kritischen Teile der Bürgergesellschaft. Kritisierte man Orbán dafür, würde er sich sofort zum Opfer „ausländischer Kreise“ und „innerer Vaterlandsverräter“ machen. So funktioniert der Opferkult der Mächtigen. Beleidigt sein ist überhaupt der liebste Seinszustand autoritärer Nationalstaaten. Kritik heißt immer „Beleidigung des Volkes“. Am autoritären Pfad trifft sich der Opfernarzissmus mit dem Größenwahn.
      Die Gewöhnung an einen Wirkstoff, wobei dessen Wirkung durch wiederholte Einnahme abnimmt, bezeichnet die Suchthilfe als „Toleranzentwicklung“. All die Schritte des Autoritären und des Sündenbocks wirken wie Drogen. Um dieselbe Wirkung wie vorher zu erzielen, muss die Dosis erhöht werden. Wenn die demokratische „Mitte“ Inhalte des autoritären Ressentiments übernimmt, wird auf Seiten des Ressentiments stets die Dosis gesteigert. Das Ressentiment bestätigen, heißt es anzufeuern. Nietzsche erwähnte bereits des Ressentiments schädliche Wirkung als Vergiftung, Scheler sprach von Selbstvergiftung. Es verlangt nach ständiger Steigerung, schwächt aber zugleich den Organismus, den es beherrscht.
Die Demokratie geht nicht notwendigerweise an ihren Feinden zugrunde, der Garaus droht ihr vielmehr, wenn die Zahl ihrer Freunde schwindet. „Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Und das habe ich nie vergessen“ (Hannah Arendt). „So übten sie vorsichtig ihre Methode: immer nur eine Dosis und nach der Dosis eine kleine Pause. Immer nur eine einzelne Pille und dann einen Augenblick Abwartens, ob sie nicht zu stark gewesen, ob das Weltgewissen diese Dosis noch vertrage.“ Stefan Zweig schreibt ähnliche Erfahrungen aus den 1930er Jahren wie Milton Mayer nieder. In Mayers Alltagsbeobachtungen aus dem real existierenden Autoritarismus klingt das so: „Im politischen wie im persönlichen Bereich ebnet der Nichtwiderstand gegen die milderen Anlässe den Weg für den Nichtwiderstand gegen die tödlicheren“. „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung“, ergänzt Schriftsteller Michael Köhlmeier heute. In dieser Beobachtung ist auch ein Hoffnungsfunke versteckt. Wenn die Schritte zum Bösen taugen, dann taugen sie auch in die andere Richtung. Kein Schritt ist belanglos. Kein Schritt ist umsonst.

Erschienen in: Wochenzeitung Die Furche, 10.10.2025, Warum wir heute Dinge akzeptieren, die vor Kurzem noch undenkbar gewesen wären.

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