Armutsdaten sind wie Laternen: Nur Betrunkene halten sich an ihnen fest.

Armutsbetroffene haben die schlechtesten Jobs, die geringsten Einkommen, die krank machendsten Tätigkeiten, leben in den kleinsten und feuchtesten Wohnungen, wohnen in den unbeliebtesten Vierteln, gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten – außer beim Tod, der ereilt sie um zehn Jahre früher als Angehörige der höchsten Einkommensschicht. Es gibt die freiwillig gewählte Armut wie sie zum Beispiel von Aussteigern, Mönchen oder Asketen praktiziert wird. Um die geht’s hier aber nicht. Freiwillig gewählte Armut braucht einen Status, der den Verzicht zur Entscheidung erhebt. Den Unterschied zwischen Hungern und Fasten macht die Freiheit. Deswegen geht es bei Armut nicht nur um einen Mangel an Gütern, sondern immer auch um einen Mangel an Möglichkeiten. Im Kern ist Armut ein existentieller Freiheitsverlust. In Armut kann man sein Gesicht verlieren. Adam Smith hat das bereits 1776 in seinem Klassiker „Der Wohlstand der Nationen“ festgehalten: Arm ist, „being unable to appear in public without shame“. Es geht um die Freiheit, über die eigene Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit verfügen zu können.
2,9 % der Bevölkerung gelten nun als „erheblich materiell depriviert“. Deprivare heißt vieler Möglichkeiten „beraubt zu sein“. Darunter fallen Haushalte, die sich wesentliche Dinge des Lebens nicht leisten können, z.B. Waschmaschine ersetzen, Wohnung angemessen warm halten, unerwartete Ausgaben tätigen, Freunde einladen. Dieser Indikator leuchtet Armut und soziale Ausgrenzung aus und verweist auf schwierigste Lebensbedingungen. Er ist zuletzt auf das Niveau vor den Inflationsjahren 2022 und 2023 gesunken. Sozialpolitische Maßnahmen und wohl auch das Nachlassen der Teuerung zeigen Wirkung. Wenn soziale Deprivation zurückgeht, lernen wir etwas darüber, welche Maßnahmen effektiv sind. Die Erhöhung der Notstandshilfe während der Corona-Pandemie verhinderte nachweislich soziale Abstiege. Die Einführung der Mindestsicherung reduzierte die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung. Der neue Kinderabsetzbetrag für Niedrigverdienende und Alleinerziehende half, die Folgen der Teuerung abzufedern. Es ist unklug, nur dann auf Armut zu blicken, wenn sie steigt. Gerade wenn sie sinkt, zeigt sich, was sinnvoll zu tun ist.
15,9% der Bevölkerung werden als armutsgefährdet bezeichnet, das bedeutet, sie haben ein Einkommen unter der Schwelle von 60% des Medians. Dieser Indikator zeigt soziale Ungleichheit an, wie stark die Ärmeren von der Mitte der Gesellschaft und des mittleren Wohlstands „abgehängt“ sind. Die Zahl sagt nichts über konkrete Lebensbedingungen aus. Sie ist jetzt gestiegen. Der Grund: Die obersten und mittleren Haushaltseinkommen haben stärker von Lohnsteigerungen und Sozialleistungen profitiert als die unteren. Beleuchtet wird hier, ob die soziale Schere aufgeht – eine gesellschaftlich höchst relevante Information.
Das Problem dieser Messung ist aber, dass die Ausgaben nicht berücksichtigt sind. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand Miete bezahlt oder im Eigentum wohnt, ob Mobilität am Land teuer erkauft werden muss oder in der Stadt öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung stehen. Zudem handelt es sich um eine Statistik von Privathaushalten. Wohnungslose, Bewohner von Einrichtungen, Krankenhäusern oder Heimen kommen darin nicht vor. Auch über die Verteilung innerhalb eines Haushalts zwischen Männern und Frauen geben die Daten keine Auskunft.
Die Lücke bei den Ausgaben versuchen die sogenannten Referenzbudgets auszugleichen. Sie bilden Ausgabenraster, bei denen Einkommen berechnet werden, die einen angemessenen, wenn auch bescheidenen Lebensstil ermöglichen. Die Schuldenberatungen verwenden sie in ihrem Arbeitsalltag für Menschen mit knappen Budgets. In diese Richtung muss die statistische Armutsmessung weiterentwickelt werden. Wohnen und Gesundheit brauchen eine stärkere Berücksichtigung, Konzepte von Einsamkeit oder Beschämung gehören eingebunden, die Dimensionen von Einkommen, Lebensbedingungen und Ausgaben sollten besser systematisiert und auf einen Blick verständlich gemacht werden.
Hier gibt es keine „richtigen“ und „falschen“ Zahlen, sondern nur falsche und richtige Interpretationen. Man muss die einzelnen Indikatoren richtig deuten können. Daten sind wie Laternen: Sie sollen den Weg ausleuchten. Nur Betrunkene halten sich an ihnen fest.
Erschienen im Wochenmagazin Profil: „Den Weg ausleuchten“, 16.Juni 2026