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Martin Schenks Blog

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Was dachte der Briefträger?

März 22nd, 2013 · No Comments · Uncategorized

   

Die Kraft der Zusammenarbeit oder vom Geschmack des Vertrauens.
Hakan ist durch die Hauptschule gekommen. Irgendwie. „Ich weiß nicht, was ich dort gelernt hab“, murmelt er, während sein Kugelschreiber über ein bereits zur Hälfte beschriebenes Papier flitzt. „Englisch, Mathe – keine Ahnung. Viele Noten waren geschenkt. Ehrlich.“ Hakan lernt jetzt an der Handelsschule in der Wiener Margaretenstraße. Mehr als neunzig Prozent der Jugendlichen an der Schule kommen aus den umliegenden Vierteln mit abgewohnter Bausubstanz, vielen Zugewanderten, zahlreichen Arbeiterhaushalten. Die Probleme sind seit Jahren die gleichen: Schüler bringen keine Hausübungen, haben zu Hause keinen Arbeitsplatz, kein Material, keine Jause, die Eltern sind beide berufstätig und können bei den Hausübungen nicht unterstützen. Viele brechen ab und machen mit der Schule nicht weiter. Karl Pleyl und andere Pädagogen der Margaretenstraße kennen die Situation. Und das seit Jahrzehnten. Zu beobachten war in den letzten Jahren, dass immer mehr »Ausländerkinder« an die höheren Schulen drängen. «Man könnte aber auch sagen: Es kommen mehr Arbeiterkinder, denn das ist an unserer Schule der Fall», so Pleyl. Die Schüler stammen fast alle aus Arbeiterhaushalten mit geringem Lohn und schweren Tätigkeiten.  

Hakans Schultag geht neuerdings bis fünf am Nachmittag. Ein Drittel der ersten Klassen wird als Ganztagsschule geführt. Unterbrochen wird der Tag von einer Mittagspause, kreativen Workshops, einer zusätzlichen Sportstunde und Übungs- bzw. Lernstunden inklusive Zeit für Hausübungen. Das Besondere sind zusätzlich Teambildung in der ersten Klasse, Förderkurse für Französisch und Rechnungswesen, die Vorbereitung auf das österreichische Sprachdiplom, Projektarbeiten wie zum Beispiel die Teilnahme an einem Fotowettbewerb. Und genau diese Klassen liegen immer im Spitzenfeld der Leistungsergebnisse. Pleyl sagt dazu: «Es gibt da einfach mehr Zeit.» Mehr Zeit zum Kennenlernen, mehr Zeit zum Austauschen, und auch Zeit zum gemeinsam Mittagessen. Nicht zu vernachlässigen sei auch noch ein anderer Aspekt. Es gibt mehr Struktur am Tag. Nachdem die engagierten Lehrer die Arbeitszeit auf den ganzen Tag aufgeteilt hatten, stellten sich allerlei überraschende Entwicklungen ein. Die Quote der erledigten Hausaufgaben stieg rasant, Anwesenheit und Pünktlichkeit der Schüler waren wie ausgewechselt, und die Aufmerksamkeit wuchs. «Es geht um Mut machen, um Aufwerten, um Stärken», fasst Pleyl den erfolgreichen Ansatz zusammen. »Anerkennung ist zentral. Und dann kann man auch fordern, muss man fordern.»

Zorica hat an der Margaretenstraße Matura gemacht und studiert jetzt. Am Nachmittag kommt sie in den Unterricht. Da werden die Klassen geteilt und wird gemeinsam gelernt. «Rolemodels» nennt Karl Pleyl das Konzept. Schaut her, ich war auch mal da, und so kann es gehen! Zorica ist es ein Anliegen, zu vermitteln, dass «zwei ganze Sprachen mehr bringen als zwei halbe». Viel zu viele Hauptschulabgänger plagten sich allein mit Deutsch herum, sagt Zorica: «Wer das bestreitet, schaut weg.» Ihre Kompetenz der Mehrsprachigkeit mit Deutsch und Serbokroatisch ist ein großes Geschenk für die Klasse. Und die Ergebnisse sind sehr ermutigend.

Anerkennen, gestalten können, herausgefordert sein, zusammenarbeiten – diese Prinzipien wirken. Das Gegenteil auch.

Die Ökonomen Karla Hoff und Priyanka Pandey veröffentlichten im Auftrag der Weltbank die Ergebnisse eines ungewöhnlichen Feldversuches. Sie legten Kindern, die sowohl aus einer höheren wie aus einer niederen indischen Kaste kamen, Aufgaben vor. In einem ersten Durchgang schnitten die Kinder aus den niederen Kasten leicht besser ab als die aus den höheren. Niemand wusste, wer welcher Kaste angehört. Dann wiederholte man das Experiment. Zuerst mussten sich die Kinder mit Namen, Dorf und Kastenzugehörigkeit vorstellen, dann durften sie die Aufgaben lösen. Das Ergebnis: Die Leistungen der Kinder aus den unteren Kasten waren deutlich schlechter. Gleiches aus den USA bei Sprachtests: Wenn die zu Testenden gebeten werden, ihre Gruppenzugehörigkeit anzugeben, in dem Fall, ob sie schwarz oder weiß seien, ändert sich alles. Diejenigen schwarzen Schüler, die aufgefordert wurden, ihre Hautfarbengruppe zu nennen, schnitten deutlich schlechter ab als ihre weißen Kollegen. Diejenigen, die nichts angeben mussten, zeigten dieselben Ergebnisse wie die weißen Schüler. Die Ergebnisse wurden auch bei Vergleichen von Latinos mit Weißen bestätigt.
Wenn man eine Gruppe verletzlich macht hinsichtlich negativer Vorurteile, die im gesellschaftlichen Kontext vorherrschen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Wer damit rechnet, als unterlegen zu gelten, bringt schlechtere Leistungen. »Stereotype threat« wird dieser Effekt genannt, Bedrohung durch Beschämung. Umgedreht heißt das, dass die besten Lernvoraussetzungen in einem anerkennenden Umfeld zu finden sind, dort wo wir an unseren Erfolg glauben dürfen. Statusangst und die Folgen negativer Bewertung sind Lern- und Leistungshemmer.

Soziale Scham ist nicht bloß ein harmloses persönliches Gefühl. Beschämung ist eine soziale Waffe zwischen Statusgruppen. Ich werde zum Objekt des Blickes anderer. Andere bestimmen wie ich mich zu sehen habe. Betroffene fürchten ihr Gesicht zu verlieren und wissen ihr Ansehen bedroht. Beschämung hält Menschen klein und rechtfertigt die Bloßstellung und Demütigung als von den Beschämten selbst verschuldet. Das ist das Tückische daran. Soziale Scham fordert dazu auf, eine Erklärung für den Sinn der Verletzung zu finden, die man zuvor erfahren hat. „Damit der Akt der Beschämung seinen Zweck erreicht, muss für den beschämenden Mangel die Verantwortlichkeit auf die beschämte Person selbst übertragen werden“, erläutert dazu Soziologe Sighard Neckel. Beschämung beruhe ja auch darauf, den anderen zum Objekt der eigenen Freiheit zu machen, der damit im gleichen Maße Freiheit und Autonomie verliert.

Gestalten können, Anerkennung und sozialer Ausgleich wirken. Das wissen auch die Entwickler von Brettspielen.  „Wenn der erste Spieler sich sofort alle großen Straßen unter den Nagel reißt und die anderen nur noch abzockt, dann können die das kaum mehr aufholen.“ Der Münchner Marcel-André Merkle entwickelt Brettspiele. Die deutschen Entwickler zählen weltweit zu den innovativsten. Seit dem Klassiker Monopoly haben sie noch dazu gelernt. Der Startvorteil der ersten Spieler gehört zu den größten Herausforderungen für Spiele-Entwickler. Die Dynamik des Spiels führt oft dazu, dass sich ein Vorsprung über die Spieldauer verstärkt und ab einem bestimmten Punkt kaum mehr umkehrbar ist. Es werde als frustrierend und ungerecht erlebt, erklärt Merkle, wenn der Verlauf davon abhängt, wer als erstes beginnt. Die Spiele-Gestalter haben darauf mit unterschiedlichen Strategien reagiert. Wenn zum Beispiel in jeder Runde neues Kapital ausgegeben werde, dann sinke die Gefahr massiv, dass einzelne Spieler den Anschluss verlieren.  „Zentral ist das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Menschen müssen das Gefühl haben, dass ihr Handeln Einfluss auf den Verlauf des Spiels hat.“ Der Spiele-Gestalter testet seine Regeln mit mehreren Gruppen, bevor ein Spiel produziert wird. Dabei beobachtet er, welche Wirkung die Regeln haben, und ob sich die Spieler an die Spielanleitung halten. Ein Spiel, das als gerecht empfunden wird und dessen Regeln anerkannt werden, verbindet laut Merkle auf ideale Weise Elemente des Zufalls, der Geschicklichkeit und des „sozialen Ausgleichs“. Abgeschlagene Spieler, die die Regeln als ungerecht empfinden, können sich Brettspiel-Macher einfach nicht leisten.

Es brodelt in Spanien, in Portugal, in Griechenland. Voriges Jahr brannte es auf Englands Straßen. Das kommt eben nicht aus dem Nichts. Wenn wir uns drei Indikatoren anschauen, die über Lebensqualität und sozialen Zusammenhalt einiges aussagen: Erstens die Gewaltrate, zweitens die Anzahl der Gefängnisinsassen und drittens das Wohlergehen von Kindern. Und dann diese drei Indikatoren mit der sozialen Ungleichheit verknüpfen, die in unterschiedlichen Ländern besteht, dann bekommen wir als Ergebnis: Wo die soziale Schere auseinander geht, dort herrscht mehr Gewalt, dort sitzen mehr Menschen im Gefängnis und dort ist die Lebensqualität der Kinder viel schlechter. Bleiben wir in den reichen Ländern. In den USA wird alle drei Stunden ein Kind mit einer Waffe getötet, in England werden über eine Million Gewaltverbrechen in einem Jahr registriert. Das ist wesentlich höher als in anderen Staaten mit ähnlicher Wirtschaftskraft. Je höher die soziale Ungleichheit in einem Land, desto mehr an Gewalt ist zu verzeichnen. Dasselbe gilt für die Anzahl der Personen, die in Gefängnissen sitzen. Auch hier weist England eine extrem hohe Rate auf.
Der Report der UNICEF misst mehrere unterschiedliche Aspekte des Wohlergehens von Kindern: Einkommenssituation, Gesundheitszustand, Bildung, Selbstbestimmung, etc. Das Ergebnis: England weist hier ganz schlechte Werte auf. Je größer die Unterschiede zwischen arm und reich, desto schlechter die Lebensqualität von Kindern. Der Zusammenhang war in jenem Land am stärksten, in dem die höchste Anzahl der Kinder vorlag, die unter weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens im Land lebt. Nicht wie reich wir insgesamt sind, ist hier entscheidend, sondern wie stark die Unterschiede zwischen uns sind.
„Der Premierminister bietet uns Grütze und sagt uns dann, sie schmeckt wie Kaviar“, schimpft Jugendarbeiter Sameer aus London. Die Jugendzentren werden geschlossen, die Unterstützung für günstige Wohnungen um 60% gekürzt, die Schulen verfallen, prekäre Jobs breiten sich aus – und die Regierung nennt das dann ihre „Big Society“. Derweil wurden die Gelder in den Finanzdistrikten der City of London verspekuliert oder in den Sicherheits- und Kontrollapparat verschoben. So viel Kameras auf öffentlichen Plätzen gibt’s nirgendwo in Europa, dem Gefängnis- und Sicherheitsbusiness geht es prächtig. Zumindest eines ist sicher: So werden die brennenden Probleme nicht kleiner.

In Gesellschaften mit hoher sozialer Ungleichheit entsteht ein hoher Stress die potentiellen und realen Demütigungen und Kränkungen adäquat zu verarbeiten. Prozesse der sozialen Disqualifikation sind soziale Belastungssituationen. Reale Abstiegserfahrungen, aber genauso die permanente Angst vor dem möglichen sozialen Abstieg, konstituieren ein anderes Selbstverständnis gegenüber sich selbst wie auch gegenüber den anderen. „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“ sagten die Eltern, jetzt sagen sie „meine Kinder sollen es nicht schlechter haben“. Ähnlich verhält es sich mit der Erfahrung blockierten Aufstiegs, also der Frustration trotz Leistung und Engagement keine adäquaten Lohn bzw. sozialen Aufstieg zu schaffen.

Nicht gestalten können, keine Anerkennung, kein Ausgleich zeigen ihre negative Wirkung.

Lerne ich den Geschmack vom zukünftigen Leben als Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt kennen? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, von Vertrauen und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt oder geschätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst und Stress geprägt oder von Vertrauen und Planbarkeit? Je ungleicher Gesellschaften sind, desto schlechter sind diese psychosozialen Ressourcen. Es gibt weniger Inklusion, das heißt häufiger das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Es gibt weniger Partizipation, also häufiger das Gefühl, nicht eingreifen zu können. Es gibt weniger Reziprozität, also häufiger das Gefühl, sich nicht auf Gegenseitigkeit verlassen zu können.

Der Geschmack des Vertrauens ist eine bedeutende Währung. Das hat Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckmann in seinen Langzeituntersuchungen entdeckt. Investitionen im frühkindlichen Bereich haben den höchsten «return on investment», zahlen sich aus. Nie wieder wird man Zukunftsgeld so sinnvoll einsetzen können wie zu diesem Zeitpunkt. Ein investierter Dollar entspricht einer Rendite von 8 Dollar, bei benachteiligten Kindern beträgt sie sogar 16 Dollar. Heckmann weist darauf hin, dass es nicht allein um kognitive Wissensförderung geht, sondern um das Wachhalten des Interesses an der Welt. Der Unterschied bei den Kindern war die Neugier, die Weltzugewandtheit, die Offenheit für Neues: Welt und Leben nicht als Überforderung sondern als Herausforderung erfahren zu können.
Zentral ist hier eine sichere wie liebevolle Bindung zwischen Eltern und Kind. Sie legt den Grundstein für ein gutes Aufwachsen. Der Mensch wird am Du zum Ich. Wir brauchen den anderen, um zu uns selbst zu kommen. Kinder mit sicherer Bindung sind selbstbewusster, weniger depressiv und haben größeres Einfühlungsvermögen. Und bei den Eltern wirkt es sich auch aus: mit höherer Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung zu machen, dass das eigene Handeln etwas bewirken kann. „Die wirklichen Beziehungen zwischen Menschen sind immer ein Angewiesensein, ein einander brauchen, eine codependency“ bemerkt Dorothee Sölle. „Wir sind einfach kleiner, dümmer, hässlicher ohne die Liebe, ich  muss nicht mein eigenes Lebensbrot backen, ich muss nicht meine eigene Kraftspenderin oder mein Tröster sein, ich muss  nicht nur ich selber sein.“ Niemand ist das, was er ist, ohne die sorgenden und unterstützenden Tätigkeiten anderer. Dass Menschen einander brauchen ist der menschliche Normalzustand.

Kooperation wirkt.

Es beginnt immer mit dem persönlichen Gespräch. Zuhören steht am Anfang. Was sind die größten Probleme, was soll besser werden, was klappt gut, woraus schöpft man Kraft, was lähmt, wie geht’s den Kindern? Es beginnt mit Menschen und ihren Interessen. An ihrem Lebensmittelpunkt. Lisa war gerade zu Besuch. Sie ist Community- Organizerin. Sie hat hunderte Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Grätzels geführt. Jetzt geht es darum, diese Gespräche in ihrem Kopf zu ordnen und offene Fragen zu recherchieren; den Anliegen nachzugehen, die dringlich sind im Bezirk und im Grätzel. Und dann wird sie gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Stadtteils aktiv werden. Ein Grundsatz Lisas lautet: „Tue nie etwas für Menschen, das sie selbst tun können.“

Wach sein für das soziale Umfeld. Offen für den Sozialraum. Aktiv vor Ort. Diese Haltungen erfahren wieder mehr Aufmerksamkeit in der wissenschaftlichen und sozialen Praxis. In der Gesundheitsförderung beispielsweise hat sich der Setting- Ansatz etabliert: wach und sensibel zu sein für das Lokale, den Bezirk, das Grätzel. Damit werden zwar die makroökonomischen Rahmenbedingungen nur wenig beeinflusst, aber es kann zu hilfreichen Veränderungen des unmittelbaren sozialen Umfelds kommen – und damit auch zu Veränderungen des eigenen Alltags in der Schule, im Betrieb, im Stadtteil, in der Gemeinde oder rund ums Krankenhaus. Dazu gibt es schon einen kleinen Erfahrungsschatz von erfolgreichen Projekten: So kochen Mütter verschiedenster Herkunft in der Schule und erfahren gleichzeitig etwas über gesunde Ernährung. Aktivierende Befragungen von Alleinerzieherinnen in einem Stadtteil haben zu Kooperationen von Frauen in der Betreuung erkrankter Kinder geführt. Die aufsuchende Betreuung rund um die Geburt in einem sozialen Brennpunkt-Bezirk hat Krisen und sozialen Stress abgefangen. Dort gibt es viele minderjährige Mütter – ohne abgeschlossene Berufsausbildung, in miesen Wohnverhältnissen lebend. Hebammen übernehmen die Nachbetreuung im Wochenbett, kooperieren mit sozialen Stützpunkten und mit dem Krankenhaus. Ein Straßencafé bietet Raum für Austausch und niederschwelligen Kontakt. Schulen öffnen sich zum Stadtteil und werden Schnittstellen der Freizeitgestaltung und auch der Elternbildung.

Im Chicago der Wirtschaftskrise vor 80 Jahren bauten sich „Bürger-Organisationen“ auf. Ihr Mitbegründer Saul Alinsky grenzte das „Community Organizing“ sowohl von der Gemeinwesenarbeit als auch von der Wohlfahrt ab. Die Stadtteilarbeit, befand er, sehe zu wenig das Ganze der sozialen Misere und wickle die zusammenhängenden Probleme des Lebens „einzeln in Zellophan ein“. Jugendprobleme, Kriminalität, Mieterfragen oder Krankheiten können nicht als isolierte Phänomene betrachtet werden. Statt Arbeitsplätzen, gerechten Lohns und des Abbaus von Diskriminierungen gibt es dann „ beaufsichtigte Freizeitbeschäftigung, Bastelkurse und Persönlichkeitsbildung“. Und die Wohlfahrt begegne „den Menschen im Slum wohlwollend und gütig, nicht um ihnen zu helfen, ihren Weg aus dem Dreck freizukämpfen, nein! Sie kommen, um diese Leute ‚anzupassen‘. Anzupassen, damit sie in der Hölle leben werden und es noch gut finden.“ Bürger-Organisationen hingegen, wie Alinsky sie meinte, bedeuten „Einmischung“ und „aktivierende Beziehungsarbeit“. Die Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings schöpfte aus diesen Erfahrungen in ähnlicher Form wie der Chicagoer Barack Obama in seiner ersten Wahlkampagne „Yes, we can“.
Gestalten zu können, herausgefordert zu sein, zusammenzuarbeiten – das wirkt. Community Organizerin Lisa hat den Grundsatz „Tue nie etwas für Menschen, das sie selbst tun können“ übrigens erweitert. Sie fügt hinzu: „Tue alles dafür, dass die Menschen können, was sie tun wollen.“

Puzzle heißt auf Englisch Jigsaw. Und Jigsaw ist ein sozialpsychologischer Versuch über die Kraft der Zusammenarbeit. Das Jigsaw Experiment suchte sich ein konfliktreiches Feld: Feindschaften in der Schule zwischen Kindern verschiedenster Herkunft. Und das Experiment ging so: Schüler wurden in verschiedene Lerngruppen geschickt, bestehend aus jeweils sechs Personen. Was es zu lernen galt, wurde in sechs Abschnitte unterteilt, von denen jeder einen übernahm. Jeder Schüler lernte nun seinen Teil und versuchte ihn den anderen beizubringen. Wie ein Puzzle müssen die Teile zusammengefügt werden, damit ein Gesamtbild entsteht. Von einer Geschichte oder einer Chemie-Aufgabe gab es nun sechs Teile, die vermittelt gehörten. In dem von Konkurrenz geprägten Klassenzimmer geht es allein darum, dem Lehrer zu zeigen, wie klug man ist. Man braucht den Mitschülern auch nicht viel Aufmerksamkeit schenken. In der Jigsaw Klasse müssen die Schüler einander jedoch zuhören, um etwas zu lernen. Peter muss auf Maria und auch auf Gülten genau achten, um die für ihn wichtigen Informationen zu bekommen. Wenn Haki im traditionellen Unterricht aus Angst und Unbehagen Schwierigkeiten hat, etwas vorzutragen, können ihn die anderen Schüler leicht ignorieren, – und sogar demütigen, beschämen. Hat Haki jedoch in der Jigsaw Klasse diese Probleme, liegt es im Interesse seiner Mitschüler, geduldig zu sein, ihn zu ermutigen und zu helfen, damit er sein Wissen Preis gibt.

Die Ergebnisse waren beeindruckend: Verglichen mit Schülern und Schülerinnen in traditionellen Klassen war bei den Kindern der Jigsaw-Gruppe eine Abnahme von Ablehnung und eine Zunahme von Sympathie für die Mitglieder ihrer Arbeitsgruppe – unabhängig von deren ethnischen Herkunft – festzustellen. Wo die Kontrolle über dein eigenes Leben bedroht ist und wo du in ständiger Konkurrenz um den eigenen Status kämpfen musst, dort wachsen Feindlichkeit und Hass. Gilt aber Kooperation und das Prinzip der Gegenseitigkeit als leitend, vermindern sich die Ängste.

Im Jigsaw Experiment  geht es aber noch weiter. Und zwar mit einem Packerl, das der Briefträger bringt. Den Kindern aus der Jigsaw Gruppe und Kindern aus traditionellen Klassen wurden eine Reihe von Bilderzeichnungen gezeigt. Auf dem ersten Bild war ein kleiner Bub zu sehen, der traurig seinen Vater am Flughafen verabschiedet. Am zweiten Bild bringt ein Briefträger dem Buben ein Paket. Das dritte Bild zeigt, wie der Bub das Paket öffnet, darin ein Spielflugzeug findet und in Tränen ausbricht. Nun wurden die Kinder gefragt, warum der Bub weint. Fast alle sagten richtig, „weil das Flugzeug ihn an seinen Vater erinnert.“ Dann stellten die Forscher die entscheidende Frage: „Was dachte der Briefträger, als er sah, wie der Bub das Paket öffnete und in Tränen ausbrach?“
Die meisten Kinder machen den Fehler, zu meinen, dass der Postbote auch wissen muss, was sie wissen. Die Kinder aus der Jigsaw Gruppe reagierten jedoch anders. Sie meinten, dass der Briefträger sich wohl nicht auskenne, warum der Bub bei einem so schönen Geschenk weint, er wisse ja nichts von der Abschiedsszene am Flughafen. Die Kinder waren in der Lage, die Sache auch aus der Perspektive des Briefträgers zu betrachten.

( Erschienen in:  Die Presse, Spectrum,  Printasugabe 29.12.2013 )

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