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Martin Schenks Blog

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Toni und das Taschenmesser

September 26th, 2017 · No Comments · Uncategorized

   

Toni ist acht Jahre alt. Vor einigen Monaten hörte er auf, seine Hausaufgaben für die Schule zu machen, zu Hause führte er sich wild auf und seine Mutter bemerkte bald, dass er auch immer wieder die Schule schwänzte. Besorgt suchte sie den Lehrer auf und fragte, was denn da los sein könnte. Der Lehrer beruhigte sie und machte ihr den Vorschlag, sich des Buben einfach mehr anzunehmen und mit ihm zu reden. Die Mutter bemühte sich um Toni und belohnte ihn für alles, was aus ihrer Sicht gut lief. Doch es wurde alles nur noch ärger. Toni zuckte noch viel mehr aus als vorher. Dem Vater riss die Geduld, er war dem Rat des Lehrers schon vorher skeptisch gegenüber gestanden, und schlug das Kind. Tonis Verhalten änderte sich. Er machte wieder seine Hausaufgaben und war weniger schlimm. Eine Woche lang. Dann ging alles wieder von vorne los.

Diese Geschichte erzählte August Aichhorn seinen Studenten im September 1945, die Trümmer des Krieges waren noch nicht verräumt, die Erziehungsberatungsstellen, die Aichhorn in den 1920er Jahren in Wien entwickelte, längst geschlossen. In diesen Spätsommertagen einer Stadt, die nach dem autoritären Furor in Schutt und Asche gelegt war, sprach der Psychoanalytiker und Freud Schüler Aichhorn vor jungen Leuten über Pädagogik.

Die Mutter war nun ziemlich ratlos und auch verzweifelt. Nichts half. Belohnung nicht, Bestrafung nicht. Was tun? Aichhorn lernte Toni in der Beratungsstelle kennen. Er ließ den Buben erzählen. Toni kam nach einigem Zögern auf eine Szene in der Schule zu sprechen. Sein Sitznachbar hatte ein Taschenmesser mit. Toni fragte, ob er es auch einmal haben konnte. Ehrfürchtig betrachtete er den besonderen Gegenstand, da begann der Unterricht, das Messer verschwand in der Hosentasche. Keiner der beiden dachte im Augenblick mehr daran. Toni musste auf die Toilette, währenddessen fiel seinem Klassenkollegen auf, dass das Messer fehlte. Laut beklagte er den Verlust. Der Lehrer und alle in der Klasse suchten danach, als Toni vom Klo zurück kam. Voll Schrecken dachte er an das Messer in seiner Hostentasche und dass alle glauben werden, er habe es gestohlen. Schnell schlüpfte er nochmal aus der Klasse hinaus auf die Toilette und spülte das Taschenmesser hinunter. Er fühlte sich befreit. Die Untersuchung durch den Lehrer blieb ergebnislos. Der Verdacht fiel auf einen Buben, der immer negativ auffiel, den Toni aber gerne mochte. Es störte ihn sehr, dass dieser ohne eigenes Verschulden belastet wurde. Toni sagte aber nichts.

Aichhorn schilderte nun den Dialog mit Toni:
„Kannst Du die Geschichte dem Herrn Lehrer erzählen?“
„Nein.“
„Der Mutter?“
„Das ist ausgeschlossen.“
„Kannst Du mit deinem Freund, dem das Taschenmesser gehört, darüber reden?“
Nach einigen Zögern: „Ja, das kann ich.“
„Wann habt ihr morgen Schulschluss?“
„Um 12 Uhr.“
Aichhorn schlägt ein Treffen im Park vor, zu Dritt.
Toni, sein Schulfreund und Aichhorn sahen sich am nächsten Tag im Park vor der Schule. Toni erzählte die Geschichte ausführlich und war sehr aufgeregt dabei. Sein Klassenkamerad hörte aufmerksam zu und deutete an, dass er das Messer gerne wieder hätte. Aichhorn beschloss mit den zwei Buben in das nächste Geschäft um ein Taschenmesser zu gehen. Der Freund fand eines, das dem verlorenen ähnlich war.
Einige Wochen später kam Tonis Mutter wieder in die Beratungsstelle und zeigte sich äußerst verwundert. Der Bub sei wie ausgewechselt. Er verweigere die Schule nicht mehr, sei wieder zugänglich und fröhlich.

Was war geschehen? Ein Zustandsbild könne erst dann in seiner wahren Bedeutung erkannt werden, wen man wisse, durch welche Kräfteverhältnisse es zustande gekommen ist. Nun, Toni quälte ein schlechtes Gewissen, das ihn massiv bedrückte. Das Taschenmesser seines Freundes hatte er ins Klo geworfen – und dafür wurde auch noch ein anderer Kollege fälschlich beschuldigt. Wird Toni nun belohnt, meldet sich der unbewusste Konflikt in ihm und befindet, dass er das gar nicht verdiene. „Damit bringt die Liebesprämie nicht mehr Lustgewinn, sondern sie steigert die Unlust“, so Aichhorn. Bei Strafe nun verändert das Kind sein Verhalten sofort, aus Angst und aktuell gefühlter massiver Unlust. Aber gegenläufig macht sich der unbewusste Konflikt wieder bemerkbar. Die Spannung im Über-Ich ist sehr hoch, sein schlechtes Gewissen meldet sich. Die Strafe erscheint als eigentlich gerechtfertigt und bringt einen Spannungsabfall, den das Kind als lustvoll erlebt. Strafe bringt hier nicht Unlust, sondern Lust hervor. „Durch die Liebesprämie und auch durch die Strafe wird nur Einfluss genommen auf die unlustvolle Spannung und nicht auf den durch Verdrängung unbewusst gewordenen Konflikt“, analysiert Aichhorn. „Durch die Liebesprämie steigert sich die unlustvolle Spannung, durch die Strafe wird sie vorübergehend vermindert.“ Belohnung und Strafe kommen an den Konflikt nicht heran.

Für viele der angehenden Pädagoginnen war dieser Einblick in die inneren Bewegungen eines Kindes neu und ungewohnt. Die Vorstellung des Menschen als eine Art ferngesteuerter Belohnungs- und Bestrafungsautomat verfolgte ja nicht nur so manche Humanwissenschaft, sondern entwickelte sich auch zur unreflektierten Vorannahme in anderen Feldern der scientific community. Allerdings ist auch in den Wirtschaftswissenschaften die Idee des „Homo ökonomikus“ seit der Finanzkrise ordentlich ins Wanken geraten: die Vorstellung, dass sich Menschen rein ökonomisch utilitaristisch nach Abwägung aller Informationen dem rationalen Nutzen verpflichtet verhalten. Forschungsrichtungen wie die Verhaltensökonomie kritisieren diese Annahmen als Fiktion. Menschen sind weder perfekt rational, noch vollständig eigennützig noch haben sie unbeschränkte Willenskraft. Das Leben ist keine einfache Reiz-Reaktions-Schachtel. Menschen folgen ihren Gefühlen, lassen sich von anderen beeinflussen, treffen gemeinsam Entscheidungen, handeln gegen ihre Interessen. Belohnung und Bestrafung kommen an die Konflikte nicht heran.

Der kleine Heinz stand draußen. Er hatte nicht gewagt zu klopfen, doch hörte sie sein Husten und öffnete die Tür. Hast Du ein Bilderbuch?, war seine schüchterne Frage. „Er berichtete stockend, dass er ein solches im Schaufenster einer Buchhandlung gesehen habe und dass er gerne wüsste, wie es innen aussähe. Frau Silberbauer kramte ein altes Bilderbuch, bekritzelt, mit ausgerissenen Ecken, aus einer Kiste hervor. Sie sah und hörte das Entzücken des Kindes und staunte über seine vielen Fragen.“ So schildert die Sozialarbeiterin Rosa Dworschak eine Szene in ihrer Erzählung „Dorfgeschichten in der Großstadt“. Das Dorf, von dem die Rede ist, liegt in Ottakring, die Stadt ist Wien, die Verwalterin der Siedlung heißt Silberbauer, wir schreiben das Jahr 1930. Heinz machte von da an seine Aufgaben bei Frau Silberbauer und kam voran in seinen ersten Schreibversuchen und Zeichnungen.
Rosa Dworschak hat über ihre Arbeit eine Erzählung geschrieben, die Jahrzehnte als Manuskript in der Schublade gelegen ist. Erst jetzt wurde die Geschichte veröffentlicht. In dieser außergewöhnlichen Sozialreportage berichtet sie aus dem Leben der Bewohner des sogenannten „Negerdörfls“, in dem sie von 1928 bis 1938 als Sozialarbeiterin tätig war. 1911 wurde für arme, unterstandslose und kinderreiche Familien in Wien-Ottakring nahe der Vorortelinie eine Barackensiedlung errichtet – das sogenannte „Negerdörfl“. Der Name leitete sich vom Wiener Dialektausdruck „neger sein“ (arm sein, nichts haben) her. Die Bewohner waren bei der – auch nicht viel reicheren – Nachbarschaft schlecht angesehen: „Rund um das Dorf waren bereits höhere Bauten aufgeschossen. Die Wohnungen hatte die Stadtverwaltung vergeben. Ihre Mieter lebten kaum in besseren Verhältnissen als die im Dorfe, doch fühlten sie sich ihnen im Range weit überlegen. Der Name Negerdörfl war schon geprägt und wurde immer wieder gebraucht, wenn man seine Verachtung für das Dorf ausdrücken wollte.“
Die jungen Leute in der Barackensiedlung waren Kinder von Hilfsarbeitern, Arbeitslosen, Bettgehern, Dienstboten. Ihre absehbare Zukunft war jedenfalls die von Hilfsarbeitern, Arbeitslosen, Bettgehern und Dienstboten. Viele ihrer Eltern kamen aus den früheren Kronländern der Monarchie, die überwiegende Anzahl aus Böhmen und Mähren. Unterschichts- und Migrantenkinder, die keine sozialen Aufstiegschancen hatten und mit beträchtlicher Ablehnung der Eingesessenen wie der Eliten kämpfen mussten. Alles wurde teurer, nur der Lohn nicht höher, die Miete nicht geringer und die Aussicht, da einmal rauszukommen, nicht besser. Schlechte Wohnverhältnisse, hohe Mieten und drückende Wohnungsnot machten sich besonders in den Vorstädten Hernals, Ottakring, Fünfhaus und Rudolfsheim existenziell mit sozialer Verelendung bemerkbar.

In der Geschichte von dem kleinen Buben Heinz, der das erste Mal in seinem Leben ein Buch in Händen hält, blitzt bereits etwas von Rosa Dworschaks besonderer Haltung auf. Die Erzählungen Dworschaks sind getragen von dem, was ihrem Verständnis nach für psychoanalytische Sozialarbeit grundlegend ist: Dem lebendigen Interesse für die anderen, der Fähigkeit zu verstehen, auf andere und deren Lebensauffassung einzugehen und sie nicht zu verurteilen. Rosa Dworschak ist Teil der psychoanalytischen Sozialarbeit im Wien der Zwischenkriegszeit, einer vergessenen und durch den Faschismus vernichteten Tradition der Kinderpädagogik und Sozialarbeit. In dieser Reihe stehen mit ihr August Aichhorn, Anna Freud, Caroline Newton oder Ernst Federn. Viele mussten fliehen, nach England oder in die USA, und versuchten dort ihre Arbeit fort zu setzen.

Rosa Dworschak lernte den Psychoanalytiker August Aichhorn 1917 am Jugendamt kennen: „Dann bin ich nach Pottendorf gekommen und zur selben Zeit hat Aichhorn schon die Vorbereitungen gehabt für Hollabrunn. Er hat mich dann schon näher gekannt und hat gesagt, er muss dieses Barackenlager übernehmen. Es war damals, 1918, noch für Flüchtlinge, ich soll aber mitfahren und ihm dabei helfen Medikamente zu sortieren und anderes. Unterwegs hat er mir Vorträge gehalten und die Schriften von Sigmund Freud vorgelesen. Ich habe gefunden: ein furchtbarer Blödsinn.“
Das sollte sich ändern. Dworschak drang immer tiefer in die Psychoanalyse ein und verband sie mit ihrer konkreten sozialen Arbeit. Aichhorn errichtete 1923 psychoanalytisch orientierte Erziehungsberatungsstellen in Wien, ab da wurde Rosa Dworschak seine engste Mitarbeiterin und Schülerin. In vierzehn Bezirksjugendämtern eröffneten sie Erziehungsberatungsstellen, die der Prävention und Hilfe dienten. Hier entwickelte sich ein für die Zeit neuer pädagogischer Blick auf das Kind. „Ich lasse mich weder auf die Besprechung der vorgebrachten Beschuldigung ein, noch fülle ich Drucksorten aus“, bemerkte August Aichhorn, „sondern veranlasse das Kind, von zu Hause und von der Schule zu erzählen: gebe ihm die Möglichkeit zu kritisieren, seine Wut zu entladen“. Er nutzte die Übertragung nicht nur zur Deutung unbewusster Regungen, sondern zu Schaffung starker affektiver Erlebnisse. Die Beratungsstellen erzielten erstaunliche Ergebnisse mit diesem therapeutischen Zugang. Ihre Arbeit stand auch in einem kritischen Verhältnis zur dominierenden rassenhygienischen Fürsorgepolitik und den autoritären öffentlichen Erziehungsanstalten. Aichhorn betonte, dass „nacherziehende heilende Wirkung“ nur möglich ist, wenn das Kind als erfahrenes, leidendes, deutendes und interpretierendes Subjekt ernst genommen und mit Neugierde und Wohlwollen angehört wird. Das war das Gegenprogramm zum üblichen „sozialmoralischen Schuldspruch“ (Reinhard Sieder) in Pädagogik und Sozialarbeit. Demütigung des Kindes, Bestrafung und Gewalt waren die Standards – nicht nur in den Kinderheimen. Die von Aichhorn geleiteten Heime Oberhollabrunn und St.Andrä an der Traisen arbeiteten anders als die autoritär-gewalttätigen „Besserungsanstalten“.
Das stellte sich dem üblichen Umgang mit Armutsbetroffenen entgegen. Die einen verwandeln sie gerne in Objekte von Strafpolitik, in defizitäre Unterschichtsdeppen, die nichts können. Die anderen betrachten sie als Objekte erobernder Fürsorge, als immerwährende Opfer, die alles brauchen. Aber nie als Akteure, als Handelnde, als Subjekte. „Alles, was an Ketten erinnerte, – mochten es auch nur dünne Fäden sein, waren den Bewohnern der Siedlung verhasst“, berichtet Frau Silberbauer in den Dorfgeschichten. Ob etwas gut oder schlecht, hilfreich oder nicht ist, beurteilen sie danach, ob es ein „weniger abhängiges Leben“ ermöglicht. Das ist eine einfache aber umso bedeutendere Erkenntnis für die soziale Arbeit und alle Angebote, die sie setzt. In den Dorfgeschichten erzählen die Bewohner von diesem Ringen um ein weniger abhängiges Leben. Und sie erzählen von einer Frau zwischen den Welten. Frau Silberbauer pflegt den Rollentausch. Sie ist nicht nur oben, sie ist immer mittendrin, manchmal unten mit dabei. Frau Silberbauer lässt sich helfen, freut sich über ein Geschenk. Frau Silberbauer kann von anderen lernen, reflektiert, was ein Gespräch in ihr anrührt. Frau Silberbauer fragt nach der Geschichte und dem Kontext. Frau Silberbauer interessiert sich für Dynamiken und Konflikte, sie will verstehen. Eine Bewohnerin der Barackensiedlung sagt es so: „Sie sind eine sonderbare Frau, mit Ihnen könnte man möglicherweise reden, ohne sich verstellen zu müssen.“

Erschienen in: Spectrum, Tageszeitung Die Presse, 11.08.2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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