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Die Identitätsfalle

Februar 20th, 2015 · No Comments · Uncategorized

   

Menschen ohne Bekenntnis haben höhere Bildungsabschlüsse als Katholiken in Österreich. Kulturalistischer Kurzschluss: Um ökonomisch fit für die Zukunft zu sein, müssten wir die Katholiken zurückdrängen, um die Bildungsquote zu erhöhen. Die letzten Terroranschläge in Österreich wurden von einem Katholiken aus der Südsteiermark, Herrn Franz Fuchs, verübt und mit der Verteidigung des christlichen Abendlandes in den Bekennerbriefen begründet. Kulturalistischer Kurzschluss: Achtung vor der Gefahr christlichen Terrors in Österreich. Patriarch ermordet Frau. Der Macho hat einen türkischen Namen. Kulturalistischer Kurzschluss: Das ist kein Mord, sondern ein Kulturdelikt. Macho hält Frau im Keller gefangen. Sein Name ist Fritzl oder Prikopil. Kulturalistischer Kurzschluss bleibt aus: ein verrückter Einzeltäter. Wir nehmen uns die Kultur wie wir sie brauchen.

Nobelpreisträger Amartya Sen hat diesen Zwang zur Alles oder Nichts-Identität als „pluralen Monokulturalismus“ bezeichnet. Das meint, dass ganze Bevölkerungsgruppen von einer einzigen Kultur und einer einzigen Identität ausgehen, derer sich alle einzufügen haben. Sie kann durch Blut, Herkunft oder Religion bestimmt sein.
Menschen erwerben Rechte aber durch ihr Menschsein, nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Religion, Kultur oder Herkunft. Wird das umgedreht, schnappt die Kulturalismus-Falle zu. Als was du geboren wurdest, das bist du. Einmal „Ausländer“ immer „Ausländer“. Sie fasst deshalb auch den Integrationsbegriff kulturalistisch. Der Zugang zu Wohnungen, die nicht feuchten Substandard darstellen, wird so als kulturelles Recht definiert – und nicht als soziales Grundrecht. Dasselbe bei Familienzusammenführung, Sozialhilfe, sozialen Aufstiegschancen, Mitbestimmung.

Der religiöse Kulturalismus funktioniert so wie der völkische: Als was du geboren wurdest, das glaubst du. Menschen müssen aber die Freiheit haben, sich gegen (religiöse) Herkunft oder traditionsbedingte Vorgabe entscheiden zu können. Das ist Grundlage für die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft. Glaubende, ob sie zu Gott, Jahwe oder Allah beten, sind immer auch Frauen und Männer, Arme und Reiche, Privilegierte und Benachteiligte, Mächtige und Ohnmächtige. Das ist wichtig, weil es zeigt, dass wir als Menschen mehrere Identitäten mit unserer je eigenen Geschichte, unseres Geschlechts, unserer Schichtzugehörigkeit, unseres Berufes aufweisen. Und Menschen entscheiden können, dass ihre ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit weniger wichtig ist als ihre politische Überzeugung, oder ihre beruflichen Zusammenhänge, oder ihre Rolle als Frau, oder ihre gewählten Freundschaften.

„Kultur“, schrieb der Ethnologe Maurice Godelier, „erklärt nichts. Sie ist das zu Erklärende.“ Es drängt sich der Verdacht auf, dass über Kulturen gesprochen wird, weil nicht über Menschenrechte bei allen gesprochen werden soll. Zwangsverheiratung sollte genauso diskutiert werden wie die Menschenrechtssituation in der Schubhaft, sogenannte Ehrenmorde genauso wie Männergewalt in der Familie, mangelnde Bildungschancen genauso wie die fremdenpolizeiliche Trennung von binationalen Ehepaaren.

Das identitäre Entweder-Oder trägt auch in seiner harmlosesten Ausprägung den Keim des Krieges in sich. Man könne wissen, wann der Krieg beginnt, lässt Christa Wolf die trojanische Königstochter und Seherin Kassandra in ihrer gleichnamigen Erzählung sagen: „Aber wann beginnt der Vorkrieg?“ Der „plurale Monokulturalismus“ unterscheidet sich nicht grundlegend vom Kampfprogramm religiöser Fundamentalisten. Denn beide sind miteinander verfreundete Feinde.

Erschienen im „Augustin“ 02/2015
Weiterlesen in:
“Die Integrationslüge. Antworten in einer hysterisch geführten Auseinandersetzung”. Von Eva Maria Bachinger und Martin Schenk (2012), Deuticke.

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