Arbeitslose bei der Arbeit

„Männer sollen mit 40 sterben, es ist kein Platz mehr für sie in dieser Welt“. Über ein genossenschaftliches Selbsthilfeprojekt für Bergarbeiter in Wales aus 1937.

Der Vater ist 43 Jahre alt und arbeitslos. Die Mutter ist 39. Es gibt vier Kinder: Bill und Ted, 16 und 14, beide arbeiten im Bergbau unter Tag. Eddie ist 8 und Margaret 6 Jahre alt. Die Arbeitslosigkeit ist hoch im Südwesten von Wales. Die beiden minderjährigen Kinder bekommen leichter eine Arbeit in der Kohlemine als ihr Vater. Wir schreiben das Jahr 1937. Die Sozialwissenschafterin Marie Jahoda lebt mit der Bergarbeiterfamilie unter einem Dach, spielt mit den Kindern, redet mit dem Vater, hilft beim Abwasch und schläft im zugewiesenen Bett. Das Interesse der Sozialpsychologin, die mit ihrem neuen sozialwissenschaftlichen Blick im österreichischen Marienthal gerade Wissenschaftsgeschichte geschrieben hat, gilt einem genossenschaftlichen Selbsthilfeprojekt im Eastern Valley. Die Arbeiter beziehen keinen Lohn, erhalten aber weiterhin Geld aus der Arbeitslosenversicherung. Die produzierten Güter werden nicht vermarktet, sondern dienen der Versorgung der Mitglieder. Dieses „Subsistence Production Scheme“ (S.P.S) wurde von christlichen Quäkern 1935 initiiert. Sie erwarben die alte Brauerei, ein fünfstöckiges Gebäude mit Ställen, Werkstätten und kleineren Nebengebäuden. Die arbeitslosen Bergarbeiter werkten in der Schmiede, als Maler, Elektriker, Müller, Küchenarbeiter, Schneider, Weber und Bäcker. Weiters bot das Projekt landwirtschaftliche Arbeit auf einem Hof mit Molkerei und Getreideanbau an. In der Gärtnerei erwirtschafteten die Mitglieder des S.P.S Gemüse und Obst. Die Arbeit war genossenschaftlich organisiert. Die Initiatoren der Quäker argumentierten, dass Projekte, die nur auf karitativer Tätigkeit beruhen, den Stolz einer Gemeinschaft verletzten.
    Im März 1938 arbeiteten bereits 277 Leute im Sozialprojekt. „Männer sollten mit 40 sterben, es ist kein Platz für sie auf dieser Welt“, sagte ein älterer Arbeitsloser resigniert. Seine Lebensqualität verbesserte sich mit der Arbeit in der genossenschaftlichen Bäckerei. Es steht wieder gutes Essen am Tisch, Freunde sprechen Einladungen aus, der Alltag ist nicht mehr von Hoffnungslosigkeit geprägt. Bei den Jüngeren im Projekt ist das anders: Sie haben das Gefühl, dass sie ihre besten Jahre an das Programm verschwenden. Sie wollen normale Arbeit und ein normales Leben. Wirkliche Arbeit bedeutet für sie im Bergbau arbeiten, etwas verkaufen, einen Geldlohn bekommen. Arbeit in der Schmiede oder der Gärtnerei ist bloß Ersatz für echte Arbeit und für sie nicht zukunftsfähig. „Ob das Programm die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit erfolgreich bekämpfen kann, hängt hauptsächlich vom Lebensstadium des einzelnen Mitglieds ab“, fasst Marie Jahoda ihre Beobachtungen zusammen. Grundlegend tritt der Konflikt zwischen Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit zu Tage. „Es ist nicht fair, dass ich gleich viel bekomme wie ein Mitglied, das im Büro arbeitet“, sagt ein Mann, der draußen am Feld arbeitet. Körperliche Arbeit ist schwerer, deshalb muss sie höher bewertet werden. Es sind die Jüngeren, die „im Vollbesitz ihrer Kräfte sind“ (Jahoda), die so argumentieren. Hingegen plädiert keiner der alten Männer für die Anwendung eines derartigen Systems innerhalb der Genossenschaft. Marie Jahodas Untersuchung dieses sozialen Experiments inmitten von Massenarbeitslosigkeit und Kriegsdämmerung ist nun im Studienverlag neu veröffentlicht worden.

Erschienen im Album der Tageszeitung Der Standard, 11.02.2020

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